Montag, 2. November 2015

Rassismus im Fußball: Klare Worte auf taube Ohren

Zumeist wird das Thema Rassismus im Fußball fernab von den Rängen diskutiert. Journalisten, Wissenschaftler, Politiker und Fans treiben den Diskurs voran. Selten sind die Sportler selbst an diesen Diskussionen beteiligt. Noch seltener wird das Thema Rassismus in der Sportlercommunity selbst öffentlich diskutiert. Was passiert wenn dies dann doch einmal passiert zeigt folgendes aktuelles Beispiel.

Am Wochenende empfing der SV Babelsberg in der Regionalliga Nordost den FSV Zwickau. Alltag. Im Rahmen der Begegnung kam es zu Emotionen und Rudelbildungen auf und um den Platz. Sechs gelbe Karten und eine Rote. Alltag.  Dabei kam es auch zu rassistisch motivierten Äußerungen gegenüber den Spielern von Babelsberg. Alltag. Den Alltag durchbrach dann SVB Trainer Cem Efe auf der anschließenden Pressekonferenz, in dem er den zur Schau getragenen Rassismus thematisierte. Videos der Märkischen Allgemeinen Zeitung dokumentieren den Moment.

Die harte Gangart beider Teams kommentierte Efe wie folgt:
"Ich glaube nicht allein, das es die Foulsituation ist, sondern es sind die Kleinigkeiten die zwischen den Zeilen passieren und ich will nicht alle Wiedergeben."
Nüchtern und sachlich sein Statement. Über die seinen Spielern gegenüber geäußerten Worte hingegen ist Cem Efe dann fast sprachlos und beschreibt die Beleidigungen so:
„Das ist Wahnsinns was da so alles kommt. Es müsse doch möglich sein, dass sich Spieler auch nach dem Spiel in die Augen sehen können.“ 
Die Probleme mit dem FSV Zwickau seien auch nicht das erste mal aufgetreten. Erschreckend die Gefühlslage des Trainers im Vorfeld der Begegnungen gegen Zwickau.
„Ich muss mich hier noch mal für meinen Ton entschuldigen, aber wenn Zwickau gegen Babelsberg spielt dann habe ich immer das Gefühl hier passiert gleich ein Mord.“
Video von der PK Teil 1



Dem nicht genug. Im weiteren Verlauf der PK wird Zwickau Trainer Torsten Ziegner von einem Journalisten gefragt wie er dazu steht das ein Spieler von Zwickau nach dem Spiel in die Katakomben geht und dort sagt: Alles Ausländer hier. Sichtlich überfordert erklärt er, das man beide Seiten betrachten müsse und das er auch Beispiele nenne könne, was seinen Spielern so gesagt würde. Anscheinend hat er Cem Efe nicht richtig zugehört. So schaltet sich der SVB-Trainer erneut ein und äußert in Richtung Ziegner emotional:
„Wenn du sagst Scheiß Türke.  Dann ist das doch nicht mehr normal.“
 Dann erklärt er dem Trainerkollegen klar und deutlich den Unterschied zwischen Beleidigungen und Rassismus.
„ Du kannst alles sagen, aber doch nicht diskriminieren.  Sag doch ´Du Flasche du kannst kein Fußball spielen`, oder was auch immer.“
Fort fährt er mit einer Auslassung darüber, dass die Trainer eine Verantwortung haben, als Vorbilder fungieren. Und wie das so ist in Diskussionen im Kontext um rassistische Äußerungen, kommt reflexartig auch schnell der Gegenangriff. Hier in Form der anschließenden Frage aus dem Publikum, wahrscheinlich von einem Zwickauer Journalisten, an Cem Efe:

„Sie finden es OK wenn ein Zwickauer Spieler mit Bierflaschen beworfen wird?“
Video von der PK Teil 2

Cem Efe zeigte Mut und Herz indem er das was nicht sein darf aber eben auch Alltag ist anspricht. Und zwar dort wo es hingehört, an dem Tatort des Geschehens in Front der Protagonisten. Das die Sportcommunitiy dort noch einen langen Weg vor sich hat, zeigt nicht nur die ratlose und attackierende Reaktion des Trainers des FSV sowie die oben genannte Journalistenfrage, sondern auch die Berichterstattung der örtlichen Zeitung. Die Märkische Oderzeitung MAZ brachte zwar einen ausführlichen Bericht zum Spiel und den Ereignissen auf der PK. Doch das zweite Video mit Cem Efes öffentlicher Anklage postete die Redaktion bei Youtube unter dem Titel: „Rassismus: SV Babelsberg Trainer Cem Efe flippt aus.“ Da wird zu mindestens verbal der Bock zum Gärtner gemacht. Nicht derjenige der Rassismus thematisiert ist derjenige der ausflippt. Diejenigen die sich rassistisch äußern sind die die ausflippen und sich von den Grundlagen des Fair-Play verabschieden.

Und zum Thema Rassismus könnte Efe sicherlich noch mehr sagen. Denn Cem Efe hat als Spieler nicht nur bei Vereinen wie Hertha BSC und Babelsberg gespielt. Nach seiner Rückkehr aus der Türkei in die Bundesrepublik ließ er seine Fußballerkarriere bei den sogenannten Berliner Migrantenvereinen ausklingen: Berliner AK, SV Yesilyurt und Türkiyemspor. Erfahrungen mit Rassismus um Sport sind hier dann wieder Alltag. Man müsste mal nur ein offenes Ohr haben.  

Hier die komplette PK im Video des SVB
Pressekonferenz: Babelsberg 03 vs. FSV Zwickau from Babelsberg 03 on Vimeo.
  


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