Freitag, 20. Mai 2016

Social Media vs. TV geht mit Facebooks "Live Map" in nächste Runde

Gut ein Jahr nachdem Twitter seine Live-Stream App Periscope launchte, steigt nun auch Branchenführer Facebook mit einem erweiterten Live-Stream Angebot ein. Mit „Live Map“ attackiert Facebook jedoch nicht nur den Konkurrenten Twitter, sondern setzt auch die herkömmliche Sportberichterstattung weiter unter Druck.


Schon seit einigen Wochen können Facebook-User per Facebook-Live streamen, dabei greifen nicht nur Privatuser auf das Angebot zurück. Denn Facebook bietet herkömmlichen Medienunternehmen sogar Geld an, damit sie auch über Facebook-Live Content verbreiten. Dies geschah jedoch bisher in einem sehr eingeschränkten Rahmen auf der Plattform. Accounts mit vielen Fans oder Followern hatten einen enormen Reichweitenvorteil. Mit „Live Map“ verbindet Facebook nun den gestreamten Content mit einer übersichtlichen Weltkarte, auf der Live Streams per blauen Punkt eingezeichnet sind. Die Größe der Punkte symbolisiert dabei die Reichweite der Live-Sendung. Beim Berühren des Punktes erscheint ein Vorschaubild, Name des Senders und die Anzahl der Live Zuschauer. Zudem wird grafisch angezeigt, wo auf der Welt dieser Stream dann auch gerade gesehen wird. Beim Klick auf die Vorschau, erscheint der Stream im klassischen Facebook Layout und den Facebook eigenen Funktionen. Mit "Live Map" wird das Auffinden von Streams extrem vereinfacht, zu dem grafisch klug eingebettet in die Weltkarte. Da ist Facebook dem Konkurrenten Periscope einen Schritt voraus, denn dort ist das zappen zwischen Streams aus unterschiedlichen Kontinenten längst nicht so komfortabel gelöst. 

Startseite von "Live Map" und alle Streams auf einen Blick


Vom Trend zum Massenphänomen


Mit „Live Map“ macht Facebook mit über 1,6 Milliarden Usern Twitter mit Periscope den Markt streitig. Schon lange versucht Facebook den Vorsprung von Twitter im Echtzeit-Segment zu verkleinern, der nicht nur durch Periscope gefestigt wurde.  Doch mit der User-Zahl von Facebook kann das offene Content von Periscope nicht mithalten. Zwar hat Periscope innerhalb eines Jahres schon über 10 Millionen User binden können und täglich landen über 350.000 Minuten Live Material auf der Plattform, doch das kommt an die Reichweite Facebooks längst nicht heran.
Wenn aber Branchenführer Facebook nun nach Periscope, Merkaat, Youtube Now und Co. ebenfalls in den Live-Video Trend einsteigt, bedeutet dies auch, dass der Trend längst kein Trend mehr ist, sondern eine Massenbeschäftigung wird.




Generierte Nähe


Das Live-Streaming die Sportberichterstattung revolutionieren werden haben wir in "Periscope & Co. : Revolution für Live-Sport Berichterstattung" letztes Jahr schon dargelegt. Dabei stechen zwei Punkte weiterhin heraus. Mit Live-Berichterstattung für und von jederman, kann nicht nur Randsportarten und Amateurspielen zu mehr Aufmerksamkeit verholfen werden, sondern wird auch die Sportberichterstattung im Profibereich revolutioniert. Quasi jeder Sportler, Fan oder Journalist kann nun jederzeit Live von einem Event und dem drum herum berichten. Damit stehen herkömmliche Sportberichterstatter unter Druck, denn sie bekommen unerwartete und dazu auch zumeist kompetente Konkurrenz. Zudem schaffen die Live-Streams etwas was herkömmliche Berichterstattung nur ansatzweise gelingt. Sie generieren Nähe. Und das ist genau das, was den sozialen Medien bisher wie keinem anderen Medium gelingt.  Zwar versuchen TV-Sender sich der Herausforderung zu stellen und arbeiten an verschiedenen Konzepten um Echtzeit Social Media zu adaptieren, doch wirken die Integrationsversuche von Twitter und Facebook in laufende Fernseh-Formate, noch immer wie die redaktionell gesiebten und redigierten Leserbriefspalten der Old-School Printmedien.

Twitter-Tochter Periscope ist Nr.1 unter den Streaming-Apps: 10 Mio. Usern


Rechteinhaber unter Druck


Ein weiterer Druck auf die konservativen Medien entsteht zudem im Graubereich der Live-Streams.  Denn es wird ja nicht nur vor und nach großen Ereignissen gestreamt, sondern auch mittendrin, aus dem Stadion oder vom heimischen Wohnzimmer. Wie z.B. bei der Live Übertragung eines Klassikers wie dem Super Bowl. Allein während des Super Bowls im Februar dieses Jahres wurden nach Daten von Internationale Business Time 16,5 Terabyte mobile Daten versendet. Zehn Terabyte mehr als nur im Jahr zuvor. Wieviele davon auf Live-Streaming entfallen wurde nicht untersucht. Sie werden aber auch mit dem Auftreten von Meerkat und Periscope im Laufe des letzten Jahres einen gehörigen Anteil daran haben. 
Dabei sind sich die Live-Stream Plattformen des Urheberrechtsproblems vollkommen bewusst und weisen ihre User in den Geschäftsbedingungen darauf hin. Meerkat hat zumindest ein eigenes Kontrollteam, welches urheberbedenkliche Streams versucht aufzuspüren und den Stream zu kappen. Bei Marktführer Periscope hingegen muss der Rechteinhaber selbst tätig werden und die betreffenden Sendungen melden. Erst danach wird im Hause Twitter reagiert. Dabei wird zu mindestens aus der Türkei kolportiert, das mit Twitter eng zusammen gearbeitet wird. Die stellvertretende Geschäftsführerin des Süperlig Rechteinhabers Digitürk Frau Hatice Memigüven schilderte zu Saisonbeginn gegenüber der Tagsezeitung „Akşam“, das in Zusammenarbeit mit Twitter wöchentlich durchschnittlich 50 Accounts wegen Urheberverletzungen bei Twitter bzw. Periscope gelöscht würden. Trotz der regelmäßigen Löschattacken lassen sich fast zu allen Spielen der Süperlig Streams, zumeist aus dem Wohnzimmer vom heimischen Flatscreen abgefilmte,   finden. Die Situation in der Türkei ist auch deshalb interessant, da die Türkei zu einen der größten Communitys von Periscope zählt. Und ebenso wie in den USA drohen hier die Rechteinhaber regelmäßig mit Gerichtsverfahren gegen die Streamer, doch weder in der Türkei noch in den USA ist bisher etwas von einer Verurteilung aufgrund eines Periscope Sport-Streams zu hören.


Mit der APP Meerkat startete das Streaming-Zeitalter für Handys im Februar 2015


Unkontrollierbare Systeme


Denn der Knackpunkt liegt beim Aufspüren der Streams. Wenn schon jetzt bei nur 10 Millionen Usern von Periscope, dies nicht mehr gelingt, ist dies bei den nun hinzu kommenden Facebook-Usern erst recht nicht mehr zu bewerkstelligen. Zudem führen die Rechteinhaber schon seit Jahren einen aussichtslosen Kampf gegen professionell agierende Streaming-Priaten.  Schon deren Schaden sei laut Sascha Tietz, Director Anti-Piracy & Content Security bei Sky im Interview mit dem Deutschlandfunk,  nicht seriös zu beziffern. Doch wird schon im Titel des Beitrages wird auf "Millionenschäden durch gehackte Livestreams" verwiesen. Dabei setzen die Rechteinhaber seit geraumer Zeit auf professionelle Teams, welche die illegalen Streams aufdecken sollen. Das gelingt durch programmierte Suchmaschinen und händische Kontrolle. Doch geschlossene Systeme sind nicht zu kontrollieren. Denn längst verkauft die organisierte Piraterie fertige Streamingpakete an zahlende User. Diese sind dann nur noch für zahlende Kunden sichtbar und entziehen sich völlig der Kontrolle. Ähnlich wie bei Periscope, wo es möglich ist Streams nur bekannten Usern zur Verfügung zu stellen. Wie jetzt auch bei Facebook, den Kontrolle entzogen lässt sich hier ausschließlich an Freunde senden. Ein Rezept wie die Streams in geschlossenen Systemen aufgespürt werden könnten gibt es nicht.


"Live Map" meets #EM2016




Noch ist der Sport ein lukratives Geschäft für die TV-Anstalten, beim Super-Bowl gehen 30 Sekunden Werbezeit beim Anbieter CBS für 5 Millionen Dollar weg.  Doch die nächste große Bewährungsprobe nach dem Launch von „Live Map“ hat die Rechteinhaberindustrie schon mit der im Juni startenden EM vor sich. Hier lässt sich dann absehen, wie „Live Map“ die Berichterstattung und den Konsum dieser verändern wird. Es wird Streams geben vom Wohnzimmer aus, wo sich eine gesellige Runde um die Glotze versammelt hat, aber auch aus den Stadien werden unzählige Live-Vidoes hochgeladen werden. Sei es von Fans oder von der stolzen Mutter, die den ersten Auftritt ihres Sohnes bei einer EM Live teilen möchte. Deshalb sollten Rechteinhaber schon jetzt nach Strategien suchen um mit den neuen Medien zusammenzuarbeiten. Denn das Einklagen von Rechten gegenüber Usern, ist zwar logisch und rechtlich möglich. Doch wird dies bei den Usern der neuen Medien, auch im Bezug auf die verbreitete Umsonst-Kultur nicht auf Beliebtheit stoßen. Und diese finden ihre Nähe eben nicht nur bei Freunden und Followern, sondern zugleich bei den Anbietern der sozialen Netzwerke. Sie identifizieren sich mit den Marken Twitter, Facebook oder You Tube. Die jüngeren User  informieren sich zudem schon längst in ihrer Mehrheit in den sozialen Medien. Mit Prozessen der konservativen Medien gegen Social-Medien User ließe sich nachhaltig keine Nähe generieren.


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tumds.blogspot.de - 5 Mai 2015, Dienstag

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