Samstag, 12. März 2016

Nach 47 Jahren: Kickern wieder legal

Das türkische Verfassungsgericht hat einmal mehr eine spektakuläre Entscheidung getroffen und Schluß gemacht mit einem weltweit einmaligen Verbot. Tischfußball, Kicker oder im türkischen „Langirt“ war seit 1969 verboten. Jetzt entschied das höchste Gericht im Lande, das nun auch in der Türkei ganz legal gekickert werden darf.

Kaum zu glauben, aber wahr. Beim EU-Beitrittskandidaten ist das Kickern seit 1969 verboten. Hintergrund dieses Verbotes waren, wie so oft im Land politische Auseinandersetzungen. Und auch wenn in dem Verbot von 1969 ausdrücklich Langirt, wie Flipper (im türkischen Tilt) oder Roulette als Glücksspiel eingestuft wurde, wird die Illegalisierung des Tischspiels politisch eingeordnet. Denn wie in Westeuropa hatten Ende der 60er besonders junge aufmüpfige Studenten Spaß an dem Heimkick. Ein Zusammenkommen dieser und wo mögliche Proteste sollten aber verhindert werden und so wurde Langirt kurzerhand verboten.

Kickern: Neu jetzt legal auch in der Türkei Foto: copyleft FAL, Licence Art Libre
 


Bis zu 5 Jahre Knast


Das Gesetz 1072 verbat das Kickern in der Türkei in öffentlichen Räumen, ebenso die Einführung, die Herstellung oder die Ausfuhr der Sportgeräte. Deswegen finden sich nur selten Kicker in Kneipen und Jugendklubs. Hotels und touristisch genutzte Anlagen konnten jedoch Ausnahmen beantragen und auch für zu Hause galt das Verbot nicht.  Bei Zuwiderhandlungen drohte eine Strafe von einem bis zu fünf Jahren Gefängnis.
 
Trotzdem gab es ein illegal spielendes Nationalteam. Auch eine Mitgliedschaft bei der internationalen Kicker Föderation war möglich, ebenso die Teilnahme an Turnieren. Jedoch gab es aufgrund der Illegalität keine TV-Übertragungen, keine Sponsoren, keine Medienberichterstattung. Die Zahl der aktiv spielenden SportlerInnen soll von über 100.000 aus der Zeit vor des Verbotes auf knapp 2000 gesunken sein.

Paradoxien


Im Rahmen der 47 Jahre währenden Prohibition des Kickers gab es neben unzähligen Gerichtsverfahren und Urteilen, auch immer wieder Situationen alá Turka. Denn das Gesetz fand zwar seine Anwendung, doch nicht konsequent. So gibt es neben dem Nationalteam auch türkische Produzenten von Kicker Tischen und auch Hotels ließen den ein oder anderen Tisch ins Land importieren. Wie schwierig die Gesetzeslage umzusetzen war, zeigen exemplarisch Bilder von kickernden Politikern, darunter auch dem heutigen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan. Darauf bezog sich auch, der wegen öffentlichen Kicker Spielen Angeklagte Gökhan Ş.. Er verwies darauf, das er das Foto mit Erdogan gesehen hätte und von einem Verbot nichts wüsse. Doch diese Argumentation half ihm nicht, er wurde zu 10 Monaten Haft und einer Geldstrafe verurteilt

Eine neue Ära: Legales Kickern



Nun ist Schluß mit dem Kicker in dunklen Hinterzimmern. So kann sich nicht nur das Nationalteam über potentiell anklopfende Sponsoren freuen, auch Hersteller, Schulen, Jugendeinrichtungen und Bars können aufatmen und endlich ganz legal auch in der Türkei Tische aufstellen und kichern  Und auch der gewöhnliche Tourist muss nicht mehr fürchten  mit einem Arm im Knast zu landen, wenn er Hand an den Tisch legt. Für Freunde des Flipperns hat sich jedoch nichts geändert. Flippern bleibt in der Türkei illegal. Tilt-Fans müssen wohl noch einmal 47 Jahre warten.  

Kommentare:

  1. Ich habe auch schon mal mit meiner Freundin in Istanbul gekickert. Gut das wir keinen Plan hatten.

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  2. Bei Ausländern wurden wohl beide Augen zugedrückt. Von einer Strafe oder einem Prozess gegen Ausländer wg. Kickerns, ist mir nichts bekannt.

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