Dienstag, 9. Februar 2016

Spiel der Symbole

Ein Drittligist im Viertelfinale des türkischen Pokals gegen Fenerbahçe, dass allein ist schon eine Schlagzeile wert. Und wenn der Gegner aus Diyarbakır kommt, vor leeren Rängen spielen muss und ihr Starstürmer Deniz Naki 12 Spiele gesperrt wurde, steht neben dem sportlichen noch viel mehr die Politik im Vordergrund.

Schon im Vorfeld der Begegnung herrschte Hochspannung. Mit dem spektakulären Einzug von Amed Sportif Faaliyetler ins türkische Pokalviertelfinale hatte auch der türkische Fußball auf einmal wieder einen Verein aus dem Osten des Landes im Blickpunkt. Dabei geriet der sportliche Erfolg des Drittligisten, der u.a. den Superligisten Bursaspor aus dem Pokal warf und ungeschlagen ins Viertelfinale einzog, schnell ins Hintertreffen. Wie schon zuvor, Klubs aus dem Osten des Landes zur Zielscheibe nationalistischer türkischer Fans wurden, wurde auch Amed SF zum Feind der türkischen Nationalisten hochstilisiert. Soziale Medien schafften ein Klima eines nationalen Ersatzkrieges, der sich auch um die Spiele von Amed SF in Başakşehir/Istanbul oder eben in Bursa entlud. Da wurden die Amed Fans und Spieler mit Terroristen gleichgesetzt und auch brutale Fouls an Amed-Spielern teils frenetisch bejubelt. Hintergrund all dessen, sind die seit dem Sommer 2015 neu entfachten blutigen Auseinandersetzung mit PKK-nahen Gruppen befindet im Osten der Türkei. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Todesmeldungen.

Fanattrappen im Stadion

 

Ein Klub schreibt Geschichte


Amed SF gegen Fenerbahce, den türkischen Serienmeister. Das wichtigste Spiel in der Vereinsgeschichte vom Amed SF. Und auch für Diyarbakır, denn wann kommt schon mal einer der Starklubs der Süperlig vorbei im tiefen krisengeschüttelten Osten. In die aufgeheizte Stimmung nach den Spielen gegen Bursaspor und Başakşehir, hagelte es Strafen für Amed SF. Das historische Spiel wurde ohne Zuschauer angesetzt. Hiermit sollten politisch geprägte Rufe der Amed-Fans bestraft werden. Und auch Amed-Star Deniz Naki sollte fehlen. Er wurde mit 12 (!) Spielen Sperre belegt, wegen Äußerungen auf Facebook. Soziale Medien feierten die Strafen und eine in der Türkei einmalige Solidarität setzte mit Fenerbahce ein. Sogar Galatasaray-Fans stellten sich auf Fener-Seite, selbst bei Europa-Pokalspielen undenkbar, und stilisierten die Begegnung zu einem Match zwischen der Türkei und Kurdistan.

Fair-Play Symbolik


All dieser Atmosphäre zum Trotz setzten beide Klubs auf Symbole und demonstrierten damit Deeskalation. Aziz Yidirim, langzeit Präsident von Fener, lobte sogar entgegen dem öffentlichen Trend die sportliche Leistung von Amed: „ Wir müssen dem Team von Amed Sportif Faaliyetler gratulieren, das sie es im Pokal unter die letzten Acht geschafft haben. Dass ein Team aus der 2. Liga (respektive 3. Liga) es unter diesen Widrigkeiten bis hierin gebracht hat ist eine gute Sache.“ Und die Symbolpolitik setzte sich auch am Spieltag fort. Fenerbahçe wurde vom Frauenteam aus Diyarbakır mit weißen Nelken empfangen. In den gesamten 90 Minuten begegneten sich die Spieler auf dem Platz vor leeren Rängen mit demonstrativem Respekt. Sobald ein Spieler fiel, oder nach einem Zweikampf am Boden blieb, kümmerte sich der Gegenspieler, reichte die Hand oder zeigte sonstig körperliche Nähe. Dabei wurde die Begegnung äußerst ernst geführt und war ein ansehnlicher Pokalfight auf  einem Dritt-Liga Ground. Wobei Amed sogar zweimal in Führung lag gegen den Süperligisten. 1:0 und 3:2. Passend zum Fair-Play auf dem Rasen endete die Partie dann 3:3. Und auch nachdem Spiel wieder demonstrative Handshakes.


Empfang mit Blumen

Wie hieß nochmal der Klub?


Symbole bestimmten auch das Umfeld der Begegnung. Amed Spieler liefen ins Stadion ein mit einem Transparent und dem umstrittenen Slogan „ Die Kinder sollen nicht sterben, sie sollen zum Spiel kommen.“ Ein Slogan der von Amed-Fans gerufen wird. Doch in der aufgeheizten Stimmung im Lande, wird dieser peacige Slogan in türkischer Lesart als Unterstützung für die PKK angesehen. Da die PKK glauben machen möchte, dass Kinder vom türkischen Militär erschossen würden, somit würde dieser Slogan deren Propaganda wiedergeben. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich für das Transpi nun die nächste Strafe des Verbandes anbahnen täte. Gleich nach dem Anpfiff das nächste Symbol. Fener im Ballbesitz und Amen reagiert nicht. Alle Spieler bleiben 30 Sekunden stehen. Damit sollte gegen das Zusauerverbot demonstriert werden und irgendwie hat  Fener dabei mit gespielt. Den Ball in den eigenen Reihen gehalten und nach knapp 30 Sekunden ins Aus befördert. 
Und auch auf den Rängen herrschte Symbolpolitik.  Die leeren Sitzreihen wurden mit riesigen Planen überspannt, auf denen hunderte von Fans zu sehen waren. So hatte zu mindestens das Oval ein bißchen Viertelfinalcharakter. Symbolisch für die Situation in Diyarbakır dann auch, das anstatt von Fangesängen alle paar Minuten der Sound von fliegenden F-16 Kampfjets über dem Stadion zu hören waren. So laut, das auch die Live-Reporter vom regierungsnahen Sender a-haber darauf hinwiesen und sich bei den Zuschauern entschuldigten, dass sie dadurch manchmal wohl nicht zu verstehen seien. Wie schwierig der Umgang mit Symbolen dann in der Türkei 2016 ist bewieß dann auch erneut das Live Kommentatoren-Team.  Bis zu 37. Minute nannten sie Amed SF zumeist  Amedspor, das ist jedoch der Name des Klubs der vom Verband nicht genehmigt wurde. Amed Sporf Faaliyetler ist der Kompromiss des Verbands. In der genannten 37. Minute erkundigte sich der Kommentator bei offen gelassenen Mikro dann hörbar bei seiner Redaktion: „ Also wir sollen Amed Sportif sagen?“ Danach versuchten beide Reporter den offiziellen Namen zu nutzen. Doch Amedspor schien auch ihnen einfach leichter über die Zunge zu gehen.


Transpi: „ Die Kinder sollen nicht sterben, sie sollen zum Spiel kommen.“


Mit dem gezeigten Fair-Play haben Fenerbahce und Amed SF Druck aus dem Kessel im Land genommen, wichtig auch im Vorfeld des Rückspiels Anfang März in Istanbul. Ob, jedoch auch Fans vom Amed das Spiel live im Stadion erleben können, bleibt fraglich. Ein komplettes Gäste-Fan Verbot ist in der Türkei bei Risiko-Spielen gang und gäbe. Das würde Fener-Boss Aziz Yildirim wohl nicht freuen, schließlich kommt er auch aus Diyarbakır.


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