Donnerstag, 1. September 2016

Emre Mor: Lob und Shitstorm

Emre Mor überzeugte beim gestrigen Freundschaftsspiel der Türkei gegen Russland (0:0) erneut im Trikot der rot-weißen. Seine Dribblings und sein Ballgefühl werden von Experten und in den sozialen Medien in schrillen Tönen gelobt. Der türkische Messi, heißt es da. Der erst 19 jährige Dortmund Profi wird jedoch nicht nur gefeiert. Gleichzeitig ist er auch Opfer eines kleinen Shitstorms. Grund: Kaugummikauen während der Nationalhymne.


Nationalismus in der Türkei oder nationalistische Überhöhungen gehören zum guten Ton im Lande. Alle im Parlament vertretenen Parteien beziehen sich irgendwie auf Nationalismus. Und auch außerhalb des Parlamentes gibt es eine gesellschaftlich relevante Auseinandersetzung mit nationalistischer Symbolik und Habitus nur rudimentär. Selbst in vielen linken Gruppen ist Nationalismus en Vogue. Dazu gehört, das die Symbole der Nation, eben hier die türkische Fahne oder die Hymne, als heilig gelten. Vielen Älteren ist die Erschießung von Solomou, einem griechischen Zyprioten, der eine türkische Flagge 1996 von einem Mast in der Pufferzone zwischen türkischen und griechischen Teil auf Zypern, herunternehmen wollte noch in Erinnerung. Oder der tödliche Messerangriff an zwei englischen Fußballfans 2000 in Istanbul. Hier entweihten Leeds United Fans eine rot-weiße Fahne der Türkei, die in einem Geschäft auf der Haupteinkaufstrasse Istiklal hing. Der Täter ein Galatasaray-Fan steht auch 14 Jahre nach der Tat und seiner Entlassung aus dem Gefängnis offen zu seiner Tat, berichtete das Magazin Aktüel 2014. “Aufgrund der Beleidigung der türkischen Fahne bereue ich meine Tat nicht.“  Aktuell hat der gescheiterte Putsch im Sommer 2016 und regelmäßige Anschläge PKK naher Gruppen in der Türkei dem Nationalismus noch mehr Nahrung gegeben.


Altersgerecht vs. Tradition



Von all dem hat wohl BVB-Youngstar Emre Mor wohl nichts gewusst, als er sich mit seinen Teamkollegen am gestrigen Abend in der Antalya-Arena auf das Feld begab. Das obligatorische feierliche Absingen der türkischen Hymne stand an. Doch Mor konzentrierte sich auf seine Art auf seine anstehende fünfte Begegnung im türkischen Trikot. Er kaute altersgerecht auf einem Kaugummi herum. Ein Affront, der dann schon zu Spielbeginn in den sozialen Medien seinen Widerhall fand. Print- und Internetmedien zogen heute nach und thematisierten neben der herausragenden Leistung des Dortmunders, den Kaugummi-Gate.


Emre Mor beim obligatorischen Absingen der Hymne während #TUR vs. #RUS
(screenshot)



Unter besonderer Beobachtung



Dabei wird das Verhalten von Sportlern während der traditionellen Inszenierung nationalistischer Insignien im Rahmen von Sportveranstaltungen international übergreifen genau unter die Lupe genommen. Der deutsche Olympiasieger Christoph Harting ist dafür nur ein aktuelles Beispiel, oder eben der Dauerbrenner-Diskurs ob Fußballauswahlspieler die Nationalhymne mitsingen müssen oder nicht.

Sportler mit einem interkulturellen Background, stehen hierbei unter besonderer Beobachtung. Schon im Vorfeld wird diskutiert: Wie verhält er sich? Singt er? Dazu wird die Mimik bis ins kleinste studiert und nach möglichen Informationen abgescannt. Das der Sportler im Trikot des jeweiligen Teams aufläuft, ist als Bekenntnis zur Nation nicht ausreichend. Hier muss das Gesamtpaket stimmen. Und allgemein gilt, wie auch bei Harting: Ein Abweichen vom ehrfürchtigen Strammstehen und inbrünstigen Gesangseinlagen erntet nationalistische Kritik. Wie nun auch bei Emre Mor und seinem aktuellen Shitstorm.


Der Kaugummi-Gate zu sehen hier im Video ab 0.25 


Nationalistische Internationale



Dabei gleicht sich die Kritik der nationalistischen Sportfans international. So wird Emre Mor bei Twitter angegangen, das sich dies nicht gehöre, er Ehrfurcht vor der Hymne zeigen solle, und das er wohl durch das starke Interesse an seiner Person abgehoben sei, was wiederum Schuld sei an seinem respektlosen Verhalten.  Das kommt doch ziemlich bekannt vor, oder? Viele User meinen es dann aber doch gut mit dem Hoffnungsträger im türkischen Fußball und merken an, das er noch sehr jung sei und nun wohl seine Lektion gelernt habe und despektierliches Verhalten in Zukunft unterlassen würde. 


Paradoxer Diskurs


Emre Mor ist in Dänemark aufgewachsen, Sohn einer interkulturellen Beziehung. Türkisch war bisher nicht so sein Ding. Erst jetzt in Dortmund möchte er anfangen Türkisch zu lernen. Die Paradoxie des nationalistischen Aufschreis lässt sich auch daran festmachen. Denn, dass ein türkischer Auswahlspieler nicht die Sprache spricht ist anscheinend kein Problem, dass er dann folgerichtig die Nationalhymne nicht mit singt, schon.


Einmal mehr scheint eine sportliche Leistung von nationalistischer Kritik überschattet zu werden. Mit Sport hat das nur am Rande zu tun. Oder frei nach Marx: Nationalismus ist Crack für das Volk.



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