Dienstag, 11. August 2015

Deniz Naki ist zurück

Der 26-jährige Ex-St. Paulianer ist zurück. Nein, nicht beim Kiezclub oder einem anderen bundesdeutschen Club. Nach seiner abrupten Trennung im letzten Winter vom Süperligisten Gençlerbirliği (s. Reaktionen auf den Angriff auf Deniz Naki ) ist der Stürmer überraschend wieder zurück in der Türkei. Spielen wird er in der Millionenmetropole Diyarbakır im Osten des Landes.

Profilfoto von Deniz Nakis offiziellem Facabook-Account

Zuerst vermeldete sein neuer Klub Diyarbakır Büyükşehir Belediyespor den Transfer auf seiner Homepage, ehe die Nachricht auch die letzten Tage auf Deutsch kursierte. Für Verwirrung sorgten dabei der Name des neuen Klubs und die Spielklasse.

Hintergrund dessen ist eine Umbenennung von Diyarbakır Büyükşehir Belediyespor in Amedspor. Nicht die erste Namensänderung des 1972 gegründeten Klubs. Zuerst firmierte der Klub unter Melikahmet Turanspor, wurde dann in Melikahmetspor umbenannt, ehe die Stadtverwaltung Diyarbakırs den Verein kaufte und in Diyarbakır Belediyespor umbenannte. Durchaus üblich in der Türkei, die vielen Klubs mit dem Wort „Belediye“ für Stadtverwaltung zeugen davon. Nachdem 1993 die Stadt Diyarbakır zur Großstadt ernannt wurde bekam er den Zusatz Büyüksehir Belediyepspor unter dem er zuletzt auch antrat.

Im Oktober 2014 beschloß die Hauptversammlung des Vereins erneut eine Namensänderung. Kurz und knapp Amedspor sollte der Verein heißen. Doch das kurdische Wort Amed für Diyarbakır wurde in Kombination mit „Spor“ vom türkischen Fußballverband (TFF) im Juli 2015 nicht genehmigt. Grund hierfür sei ein Amateurverein mit gleichen Namen. Und die Verbandsstatuten verbieten die Doppelnutzung eines Namens. Der Verein Amedspor hatte jedoch schon 2014 seinen Namen in Amidaspor geändert, daraufhin bewarb sich Diyarbakır auch um die Namensrechte beim örtlichen Vereinsregisteramt, welche ihm auch gewährt wurden. Aufgrund der frischen Entscheidung des TFF, darf der Klub, nun nicht unter seinem selbstgewählten Namen auflaufen. Als Alternative wurde Amed SK (in etwa Verein für Leibesübungen) ins Gespräch gebracht. Doch das neue Amedspor möchte an den ausgewählten Namen festhalten. „Wir werden damit fortfahren den Namen überall zu benutzen“ kündigte Vorstandsmitglied Soran Haldi Mizrak gegenüber Eurosport an. Und so begegnen dem Besucher der Vereinshomepage weiterhin, zwar unter alter Adresse http://www.Diyarbakırbuyuksehirbelediyespor.com, das neue Logo und der neue Klubname: Amedspor Kulübü.

Die Zweite ist die Dritte

Beheimatet ist der Klub aus Diyarbakır in der sogenannten „2. Lig“ des TFF. Doch in der Türkei orientiert sich die Namensgebung der Ligen am englischen System. Die „Süperlig“ ist die erste Liga. Darauf folgt die „PTT 1.Lig“ genannte zweithöchste Spielklasse. Die dritthöchste Spielklasse bildet die zweigleisige „2.Lig“. Die dreigleisige „3.Lig“ bildet den Unterbau des türkischen Profifußballs. Somit ist Deniz Nakis neuer Klub im Gegensatz zur Meldung deutschsprachiger Medien nur namentlich ein „Zweitligist“, sportlich spielt Diyarbakır in der Dritten Liga. Die Verpflichtung des ehemaligen bundesdeutschen Jugendauswahlspielers ist für einen Drittligisten spektakulär.

In Diyarbakır wird auf Deniz gezählt. Naki soll nicht nur auf dem Platz für Wirbel sorgen. Im Team soll er die Rolle des großen Bruder einnehmen, der Klub als ganzes soll von der Verpflichtung profitieren. Eine neue Aufgabe die passen könnte. Denn Deniz kann sich auf Rückhalt aus seinem neuen Verein sicher sein. Probleme wegen seiner türkisch-kurdischen-alevitischen Identität wird es im Verein oder im Umfeld nicht geben. Und auch seine politischen Statements gegen Rassismus oder aktuell zum Kampf der Kurden gegen Isis in Syrien und Irak werden in der zumeist von Kurden bewohnten Stadt eher Sympathie Punkte einbringen. Ein stärkendes Umfeld und die neue Herausforderung die Rolle als Leitfigur zu übernehmen helfen Deniz nach der langen Spielpause ein Comeback zu wagen. Ein Mitmischen im Aufstiegskampf mit Toren von Deniz Naki wäre ein sportliches Signal, - auch in der dritten türkischen Liga.

Comeback mit Hindernissen


Zu leicht wird ihm sein Comeback nicht gemacht werden. Bei einem Klub in der Türkei zu spielen der das Wort „Diyarbakır “ im Namen trägt macht einen zur Zielscheibe von türkischen Nationalisten. So hatte der Süperligist Diyarbakırspor mit rassistischen Anfeindungen Anfang der 2000er Jahre zu kämpfen, die mit ausschlaggebend für die Schließung des Klubs 2013 waren. Der Nachfolgeklub bestritt in der Saison 2014-15 seine Ligaspiele in der Vierten Liga, wurde aber bei seinen Spielen wiederholt Ziel gewalttätiger Angriffe. Zuletzt dachten die Vereinschefs öffentlich über einen Rückzug aus dem Spielbetreib nach und forderten weitere kurdisch geprägte Vereine im Osten der Türkei auf eine eigene Liga zu gründen. Davon wurde zwar nun abgesehen, doch ist angesichts der aktuellen Zuspitzung im türkisch-kurdischen Konflikt davon auszugehen das sich in der neuen Spielzeit zumindestens ähnliche Szenen wiederholen. Opfer könnte auch Deniz Nakis Klub werden. Liga-Begegnungen mit Vereinen wie dem Istanbuler Klub Fatih Karagümrük, mit einer religiösen-nationalistischen Fanbase bergen gefährliches Potential. So kommt auf Deniz nicht nur eine Bewährungsprobe auf dem Platz und mit neuen Aufgaben zu. Sein Intellekt und sein Engagement wird auch außerhalb des Fußballplatzes gefordert sein.

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