Montag, 18. Mai 2015

Nach Özil & Co.: Die neuen deutschen Trainer kommen

Die Bundesrepublik Deutschland ist faktisch ein Einwanderungsland, auch wenn die Politik dies nicht offiziell benennt. Die Migration seit den 60er Jahren hat das Land nachhaltig verändert. Diese Veränderungen sind in fast allen Bereichen der Gesellschaft festzustellen. Natürlich, auch im Fußball.

Im Fußball lassen sich exemplarisch Entwicklungen der Gesellschaft herauszeichnen. Während die ersten Migranten schon früh ihrem Hobby auch in Deutschland nachgingen, fanden die ersten Spieler mit türkischen, jugoslawischen, griechischen oder italienischen Background ihren Weg in die deutsche Fußballgesellschaft erst spät. Zumeist bei Amateurvereinen fanden sie ein spielerisches zu Hause. Bis der erste Spieler mit türkischen Background seinen Weg in die Bundesliga fand verging jedoch einige Zeit. Für Deutsch-Türken leitete der Stürmer İlyaz Tüfekci eine Zeitenwende ein. Mit seiner Karriere beim VfB Stuttgart und Schalke 04 war er Trendsetter. Nach vielen Jahren, auch harter Kritik an der Art des Fußballgeschäftes, ist heute das deutsche Auswahlteam ohne Migranten nicht mehr denkbar. Das die Migration auch immer Auswirkungen auf die Herkunftsländer hat, lässt sich ebenso hier aufzeigen. So werden in die türkische Auswahl von Trainer Fatih Terim seit Jahren aufgrund des hohen Ausbildungsgrades in Deutschland bzw. Europa regelmäßig Spieler ins Team berufen, die die Türkei zuvor meist nur aus dem Urlaub kannten. Doch nicht nur in der Auswahl sind die Spieler aus Europa wichtige Stützen.

32% Euro-Türken

In der ersten und zweiten Liga der Türkei kommt kaum ein Team ohne Spieler aus Europa aus. Mahmut Uluç recherchierte für das offizielle Fußballmagazin der türkischen Fußballverbandes „Tam Saha“ die Anzahl der türkischen Spieler mit Ausbildung in Europa in der Saison 2012-2013. Demnach waren allein in der ersten türkischen Süperlig 94 Spieler mit einer Ausbildung in Europa aktiv. Unter allen Spielern mit türkischen Wurzeln in der Süperlig machten die Euro-Türken damit einen Anteil von 32% aus. Somit kam jeder Dritte türkische Spieler aus europäischen Fußballligen. Auch in der aktuellen Saison stellen die Euro-Türken einen hohen Anteil von Spielern in den türkischen Profiligen. So wird der Istanbuler Top-Klub Beşiktaş u.a. von dem TV-Sportmoderator Rasim Ozan Küthayalı in der Sportsendung „Beyaz Spor“ aufgrund der vielen Spieler mit europäischen Background, dann auch als Türkiyemspor Beşiktaş tituliert. In ironischer Anlehnung an den legendären Hauptstadt Klub Türkiyemspor Berlin, in dessen Team naturgemäß die Euro-Türken den höchsten Anteil an Spielern stellen. Das dies auch ein Problem aufzeigt, nämlich die anscheinend mangelhafte Nachwuchsarbeit, hat nun auch der Verband in der Türkei erkannt. Denn wenn die 4,5 Millionen Euro-Türken einen Anteil von 32% in der Liga ausmachen, stimmt etwas nicht. Besonders im Vergleich zu den 75 Millionen Einwohnern in der Türkei, sind diese Zahlen ein Alarmsignal für die Nachwuchsarbeit in der Türkei. Im Zuge einer Regeländerung für die Saison 2015-2016 will der Verband nun Jugendspieler aus der Türkei besonders fördern. Ob dies mit dem angekündigten Programm einer Freistellung des Kontingents von ausländischen Spielern und einer gleichzeitigen Einführung eines Kontingents für Euro-Türken gelingen wird bleibt abzuwarten.

Ein langer Weg

Migranten in der Bundesrepublik brauchten einen langen Atem um den heutigen Status Quo zu erlangen. Denn die Protagonisten der Vereine und Verbände des Fußballgesellschäfts gelten nicht als gesellschaftlich progressiv oder als Vorreiter. So bedurfte es trotz der allgegenwärtigen Fußballbegeisterung bei jungen Migranten einiger Umwege um zu der Stellung zu gelangen die heute im Fußball eingenommen wird. Ressentiments und kulturelle Mißverständnisse behinderten eine rasche Aufnahme der neuen Spieler. Eine der Reaktionen darauf war die Gründung von eigenen Vereinen. Und noch heute klingen die Begegnungen in den Amateurligen wie ein ständig stattfindender Europa-Pokal, wenn Teams wie FC Espanol und Lupo-Martini aufeinandertreffen. Klubs wie Türkiyemspor Berlin, Münih Türkgüçü, Köln Yurdumspor oder auch SD Croatia klopften sogar schon an die Türen des Profisports.

Der sportliche Erfolg dieser Teams in den achtziger und neunziger Jahren sorgte auch für ein Umdenken in eingesessenen Vereinen und Verbänden. Nun vollzog sich eine Öffnung und in den Jugendteams fanden sich immer mehr Spieler mit Migrations-Background. Noch heute reicht ein Besuch am Wochenende auf einem der zahlreichen Sportplätze im Westen der Republik aus, um die Ergebnisse dieser Öffnung zu bestaunen. Besonders in den unteren Jahrgängen haben weit über 50% der Spieler einen Migrationshintergrund. Doch nach oben nimmt der Anteil dieser Spieler wieder ab. Hinter vorgehaltener Hand wird über Quoten nach Herkunft in den Nachwuchsteams renommierter Vereine berichtet. Augenfällig ist zumindestens das die Zahl der Fußballdeutschen von U9 Teams bis hin zu den U19 Teams konsequent abnimmt. Dies lässt sich wohl nicht nur auf soziologische Gesichtspunkte zurückführen.

Auf dem Platz ist nicht neben dem Platz

Nun mit der dritten Generation von Spieler mit Migrations-Background in der BRD lässt sich feststellen, dass die Veränderung der Spielerherkunft nicht am Fußballplatz halt macht. Nachdem die sogenannten Migrantenvereine, sich den Verbänden anschlossen, begann hier der Marsch durch die Institutionen. Heute nehmen Migranten in vielen Verbänden Funktionen ein, doch im Verhältnis zur Spielerschaft immer noch sehr wenige. In Berlin z.B. sitzt mit Mehmet Matur nur eine Person mit Migrations-Background im Präsidium. Dabei ist Mehmet Matur dann auch noch klassisch zuständig für sogenannte Integrationsaufgaben. Seit 2006 hat auch der DFB mit Gül Keskiner eine Integrationsbeauftragte mit türkischen Background. Der 42-küpfige DFB-Vorstand besteht jedoch ausschließlich aus Bio-Deutschen. Keskiner hat zu mindestens im Vorstand eine beratende Stimme. Funktionäre außerhalb der klassischen Migrantenvereine mit Migrationsbackground sind ebenfalls schwer zu finden. An den Vereinsleitungen scheinen 60 Jahre Migrationsgeschichte komplett vorbei gegangen zu sein.

Eine weitere Parallele dazu lässt sich im Trainerwesen beobachten. Während in den unzähligen Jugendteams der Republik schon längst zum Alltag gehört das Trainer nicht Micha oder Frank heißen müssen, sind Trainer mit Migrations-Background im Profibereich auffällig selten. Gesetzt wird noch immer eher auf erfolgreiche Trainer aus dem Ausland, die für viel Geld transferiert werden. Wie in den siebziger Jahren als internationale Fußballstars, die als Fußball-Migranten auf internationaler Transferbasis bei den großen Klubs die Töppen schnürten das Bild bestimmten und das Potenzial vor der Haustür übersehen wurde. In den beiden Bundesligen waren bisher nur vier Trainer mit türkischen Background tätig: Özkan Arkoç, Mustafa Denizli, Tayfun Korkut und Taşkın Aksoy. Dabei fallen die beiden erst genannten sogar eher in die Kategorie der Transfer-Migranten. Mit Tayfun Korkut und Taşkın Aksoy haben sich erstmals ehemalige Spieler aus der Bundesrepublik mit türkischen Wurzeln als Trainer im Profigeschäft zu Wort gemeldet. Dabei liegen die Qualitäten auf der Hand. Analog zu den Fußballern mit Migrationshintergrund, haben auch diese ihre Ausbildung in Deutschland genossen. Sie sind somit top-ausgebildet, und haben zudem auch internationale Erfahrungen sammeln können. Aksoy zum Beispiel hat nicht nur als Spieler in der Bundesrepublik und in der Türkei gearbeitet, sondern auch für den DFB als Ausbilder in Südafrika und Azerbaidschan. Zwei oder Drei Sprachen gehören zur Standardausrüstung dieser Trainergeneration. Ein Plus welches nur wenige Jungtrainer mit sich bringen können. Zudem sind diese Fachkräfte sensibilisiert im Umgang mit Ausgrenzungssystemen und können, sowohl bei der Sichtung als auch im Trainingsalltag Spieler anders erreichen, als Trainerkollegen die diese Fähigkeiten nicht mitbringen.

Neuen Trainern gehört die Zukunft

Ein weiteres Potential der neuen deutschen Trainer liegt in der Identifikationskraft dieser Personen. Nicht zuletzt der Wandel der bundesdeutschen Auswahl hat gezeigt, welch gesellschaftliches Veränderungs- und Bindungspotential hier schlummert. Während sich in den achtziger und neunziger Jahren kaum ein Migrant in der Bundesrepublik für die DFB-Elf begeisterte, hat mit dem Wandel in der Zusammenstellung des Teams auch eine Änderung in der Wahrnehmung stattgefunden. Heute wird das DFB-Team längst auch in Köln-Kalk und Berlin Kreuzberg bejubelt. Vereine könnten davon noch mehr profitieren wenn sie nicht nur Spieler mit Migranten-Wurzeln berücksichtigen, sondern auch Trainern den Weg öffnen würden und somit weitere Sympathiepunkte in der Öffentlichkeit für den Klub erzielten.

Doch wird das Potential dieser neuen Trainer nicht nur in Deutschland noch nicht gebührend gewertschätzt. Auch in der Türkei wird weiterhin auf das althergebrachte vertraut. Und wenn ein Trainer aus dem Ausland verpflichtet werden sollen, dann sind es Trainer ohne türkischen Background. Dabei wäre nicht nur zur Integration der Euro-Türken und der klassischen Auslandstransfers in die Teams der Süperlig ein Tayfun Korkut oder Taşkın Aksoy ideal. Zudem könnte der türkische Fußball von dem Input, dem Bildungshintergrund und den Erfahrungen dieser Trainer profitieren. Trainer aus dem Ausland haben nicht nur mit kulturellen Schwierigkeiten und Sprachproblemen zu kämpfen, sondern sind auch immer auf Zeit auf Abruf in der Türkei, des Geldes wegen. Eine nachhaltige Entwicklung des türkischen Fußball steht nicht auf ihrer Agenda. Und das die neuen Trainer dieser Einstellung entegengesetzt über den Spielfeldrand hinaus denken, beweisst Taskin Aksoy in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Al-Jazeera vor einer Woche, in dem er den deutschen und türkischen Fußball einer klaren und kritischen Analyse unterzog.

Wer wird der Derwall 2.0?

Schon einmal wurde der türkische Fußball durch einen Trainerimport aus Deutschland revolutioniert. Ohne den Einfluss von Jupp Derwall wäre der moderne türkische Fußball kaum denkbar. Die Arbeit Jupp Derwalls, welcher von 1984 bis 1987 Galatasaray Istanbul trainierte, danach als Berater des türkischen Verbandes tätig war und mit seinem Wissen und Engagement das Trainingswesen in der Türkei revolutionierte hat bis heute seine Spuren hinterlassen. So ging z.B. auch der türkische Auswahl-Trainer Fatih Terim durch seine Schule. Der türkische Fußball hat mit seinem Erfolgshoch Anfang des Jahrhunderts eben mit den Schülern Derwalls seinen vorläufigen sportlichen Höhepunkt erlebt. Um an diese Höhepunkte anzuknüpfen bedarf es einschneidender Änderungen. Einen Input von außen. Und warum soll der nächste Derwall in der Türkei nicht Tayfun Korkut oder Taskin Aksoy heißen?

Denn eins ist sicher, die Taşkın Aksoys werden ihren Weg gehen. Nicht nur die Anzahl der neuen Trainer mit bi-kulturellen Wurzeln steigt, zudem werden auch noch von den jetzt aktiven Spielern den Altıntops, den Özils, den Khediras, einige nach dem Ende der aktiven Spielzeit, ihren Weg auf die Trainerbänke finden. Denn ein Fußballerleben besteht aus verschiedenen Phasen. Es bleibt nur die Frage wer ihr Potenzial zuerst entdeckt. Und mit den Taşkın Aksoys wird dann sowohl in Europa als auch in der Türkei ein neues Kapitel Fußballgeschichte geschrieben, denn mit dem Einzug dieser neuen Trainer wird sich nicht nur das Denken bei Vereinen und Verbänden internationalisieren, sondern auch das Personal. Der Schlüssel zu einer wirklichen die moderne Einwanderungsgesellschaft repräsentierenden Sportpolitik liegt in der Eingliederung von eben jenen in alle Entscheidungsprozesse des Sports.



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