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Donnerstag, 29. Dezember 2016

Schlafender Riese aus Izmir

Lange spielte der Fußball aus Izmir keine große Rolle im türkischen Fußball und das obwohl die Stadt an der Ägäis die drittgrößte Stadt des Landes und Heimat vieler prominenter Vereine ist. Nun steht mit Göztepe ein Klub aus Izmir zur Winterpause an der Spitze der 2. Liga. Ein Klub mit Tradition und Fan Base, der schon einmal zu den ganz großen im Lande gehörte.

Der türkische Fußball ist im Wandel. Jahrzehntelang bestimmte der Dreikampf der Istanbuler Klubs das Liga-Geschehen.  Angeführt von Başakşehir und Osmanlıspor machen nun immer mehr Klubs als Vertreter der „Neuen Türkei“ sportlich auf sich aufmerksam und setzen die Clique von Galatasaray, Beşiktaş und Fenerbahce unter Druck. Ein Vertreter der „Alten Türkei“ könnte jetzt für noch mehr Spannung sorgen. Göztepe der Traditionsklub aus Izmir führt nach 16 Spielen die Tabelle der 2. Liga an und begibt sich als potentieller Aufsteiger in die Winterpause.

Izmir: Die Wiege des türkischen Fußballs


Göztepe ist beheimatet im gleichnamigen Stadtteil von Izmir. Der Stadt, die wohl wie keine andere Stadt in der Türkei ein europäisches Flair versprüht. Izmir ist die drittgrößte Stadt im Lande und zugleich Messestadt und Hafenstadt. Hier befindet sich der zweitgrößte Hafen des Landes. Zudem ist Izmir auch Tourismuszentrum. Der Touri-Hotspot Çeşme gehört zu Izmir und auch Bodrum und Kuşadası gehören zum Einzugsbereich der Stadt. Und auch wenn der Fußball aus Izmir kaum jemanden außerhalb der Türkei etwas sagt, ist Izmir dennoch eine Fußballstadt. Eigentlich liegt hier die Wiege des türkischen Fußballs. Schon 1877 sollen hier im Stadtteil Bornova die ersten Fußballspiele stattgefunden haben. 1884 wurde mit „Football Club Smyrna“ der  erste Fußballklub gegründet. Von ersten Spielen in Istanbul wurde hingegen erst ein Jahr später berichtet.

Die Fußballbegeisterung in Izmir nahm ihren Anfang in der englischen und griechischen Bevölkerung. Erst später konnten sich auch muslimische Stadtbewohner für Fußball erwärmen. Für die Entwicklung des Fußballs in Izmir sollten die Klubs der Minderheiten dann bald keine große Rolle mehr spielen. Aber neben den Klubs von griechischen, italienischen und englischen Stadtbewohner, soll es sogar um die Jahrtausendwende einen Maccabi Klub in der Stadt gegeben haben. Mit Karşıyaka gründete sich 1912 der erste Klub von muslimischen Fußballern, zumeist Türken. Dem folgte 1914 Altay. Mit Gründung des türkischen Fußballverbandes 1923 gingen dann auch in Izmir einige Neugründungen hervor. Darunter Izmirspor (1923), Altınordu (1923), Göztepe (1925) und Bucaspor (1928). Sowohl Altınordu, als auch Göztepe waren dabei Abspaltungen von Altay. Bei Göztepe waren ehemalige Spieler von Alpay Initiatoren der Neugründung. Und was alle Klubs eint, aus der Anfangszeit des Fußballs in Izmir, sie haben alle Erfahrungen in der 1. Liga gemacht. Karşıyaka spielte dabei 16 Jahre und Göztepe 25 Jahre in der heute Süperlig genannten höchsten Spielklasse. Aber das erfolgreichste Süperlig Team aus Izmir ist Altay. 41 Jahre spielte das Team erstklassig und steht in der ewigen Tabelle der Süperlig auf dem 8. Platz. 


Schlagzeile der Tageszeitung Yeni Asir von 1981:" Weltrekord in der 2.Liga"



Fans sorgen für Eintrag ins Guiness-Buch


Der Fußball in Izmir brachte u.a. mit Mustafa Denizli berühmte Namen des türkischen Fußballs hervor und war in den Anfangsjahren des türkischen Fußballs neben Istanbul das Zentrum des Sports. Auch wenn die Istanbuler Klubs schnell sportlich dominierte, hatte der Fußball in Izmir seinen Stand. Zuschauer Massen fanden und finden bis heute schon lange vor dem Branding „Support your local Team“ gefallen an dem Kick. Derbys zwischen Karşıyaka und Göztepe waren ähnlich umkämpft wie die Derbys in Istanbul. In der Saison 1980/81 schaffte es das große Izmir-Derby sogar ins Guinness Buch der Rekorde. Als das Spiel mit den meisten Zuschauern einer 2. Ligapartie. 80.000 Zuschauer sollen es gewesen sein. Und die Derbys ziehen immer noch, egal in welcher Liga die Klubs aufeinandertreffen. Wie letzte Saison, wo beide Klubs in der 2. Liga gegen einander ran mussten. Jeweils 20.000 Zuschauer sorgten für Erstligastimmung. Und 20.000 Zuschauer sind für die „Neue Türkei“ sehr viel, denn der türkische Fußball leidet seit Jahren unter einem immensen Zuschauerschwund. Zu manchen Spielen in der Süperlig finden sich nur noch knapp Tausend Zuschauer ein.


Halbfinale gegen AS Rom


Der Klub Göztepe ist jedoch nicht nur wegen seiner 25 Jahre Erstklassigkeit bekannt. Göztepe ist der erste Klub aus der Türkei, der es schaffte in einem Viertelfinale und Halbfinale eines europäischen Wettbewerbes zu stehen. Schon 1969 gelang es Göztepe bis ins Halbfinale des Messepokals zu kommen, dem Vorläufer der UEFA-Cups. Und nur ein Jahr später konnte Göztepe erst vom AS Rom im Viertelfinale des Pokals der Pokalsieger bezwungen werden. So wurde schon weit vor den großen Dreien aus Istanbul europäische Geschichte in Izmir geschrieben. Doch während man sich daran in Izmir noch gut erinnert, nimmt man davon außerhalb der Stadtgrenzen heute kaum noch Notiz. Außerhalb des Landes weiß von diesem sportlichen Erfolg kaum einer etwas. Und außerhalb der Lokalpresse wird heute kaum noch über die Klubs aus Izmir berichtet.


Logo von Göztepe ist nicht Retro, sondern Old-School. Made in 1934


Der RB Leipzig Trick ala Turka


Zudem machte Göztepe in den letzten Jahrzehnten eher negativ aus sich aufmerksam. Nach seiner letzten Saison in der Süperlig 2002/2003 stieg der Klub in die 2. Liga ab. Und startete eine beeindruckende Negativ-Serie mit aufeinanderfolgenden Abstiegen. Jahr für Jahr, bis der Klub sich 2007 in der 5. klassigen Amateurliga wiederfand. So tief angesiedelt spielten die rot-gelben noch nie. Und erst ein Trick unter der Führung des Präsidenten und Energieproduzenten Imam Altınbaş brachte den Klub wieder ins Profigeschäft zurück. Ein umstrittener Deal mit dem Klub Aliağaspor aus Izmir sollte den Weg ebnen um an alte Zeiten anzuschließen. Der millionenschwere Unternehmer sprang für das Startrecht seines Klubs in der 4. Liga, als Sponsor beim Basketball Team von Aliağaspor ein.  So wurde das Herrenteam von Aliağaspor um die Farben und den Namen von Göztepe bereichert. Aliağaspor spielte dafür anstelle von Göztepe in der Amateurliga weiter. Auch Proteste der Politik konnten den Deal ala RB Leipzig nicht stoppen, obwohl Lokalpolitiker sogar mit Hungerstreik drohten.  


Tradition wird gepflegt, auch beim Merchandising Bus
Foto: 
CC BY-SA 4.0 by Sakhalinio

Der Präsi als Held


Nur 3 Jahre später spielte Göztepe dann schon wieder zweitklassig. Doch die Hoffnung von Altınbaş mit Göztepe und seinem enormen Fanpotential in Izmir und darüber hinaus Geld zu verdienen zerplatzte 2013 mit dem erneuten Abstieg in die 3. Liga. Die Fans, die trotz des vorübergehenden Erfolges, nicht mit dem Präsidenten warm wurden machten den einzigen Hoffnungsträger für den Abstieg verantwortlich. Enttäuscht warf Altınbaş daraufhin das Handtuch. Mit seinem Abschied von der Vereinsführung übernahm dann mit, Mehmet Sepil, quasi ein Kollege die Vereinsspitze. Denn auch der Unternehmer Sepil ist reich geworden im Energiesektor, sei es als CEO oder Teilhaber.

Doch Sepil versprüht mit seinen langen Haaren und bunten Armbändern Credibility, die dem alten Chef fehlte. Zudem waren Sepil und seine Familie schon seit Jahren als Göztepe-Fans bekannt. Und spätestens mit seinem Einsatz für die Belange der Fans bei Auswärtsspielen sorgte Sepil für lange Zeit nicht da gewesene gute Stimmung im Verein. Nachdem er gestrandete rot-gelbe Fans bei einem Auswärtsspiel dann flugs auch noch in seine Privatmaschine einlud, war ein neuer Held gefunden.  Nach dem Wiederaufstieg 2015 basteltet man nun in Izmir an weiteren Heldengeschichten. Der Platz an der Tabellenspitze zur Winterpause soll da nur ein Zwischenschritt sein. Gelingen soll das mit einer Mischung aus jung und alt. Im Kader sind sogar mehrere Spieler aus der eigenen Jugend. Rückhalt bietet der erfahrene Neu-Ulmer Günay Güvenc. Vor ihm bringen der 27 jährige Gencer Cansev und der 33 jährige Benjamin Fuchs Ruhe ins Spiel.  Im Sturm sorgen Adis Jahovic und Umut Nayir für Wirbel. Der mazedonische Nationalspieler erzielte schon 9 Treffer, Nayir sogar schon 10 in der laufenden Saison.


Konkurrenz für Fener und Co.?


Ein Aufstieg dieses Klubs könnte die Fußballwelt der Türkei nachhaltig verändern. Noch mehr als die Klubs im Fahrwasser der Regierungspartei, AKP, wie Başakşehir und Osmanlıspor es bisher nicht konnten.  Zwar spielen beide außerordentlich erfolgreich mit. Başakşehir führt die Süperlig weiterhin ungeschlagen an und Osmanlıspor nimmt einen guten 6. Platz ein. Mit nur vier Punkten Rückstand auf einen Platz der zur Teilnahme an der Europa League berechtigt, in dem sie dieses Jahr, sogar erstmalig überwintern und im neuen Jahr ihr wohl größtes Spiel in der Vereinsgeschichte gegen Olympiakos bestreiten. Doch die Öffentlichkeit nimmt kaum Notiz von den Emporkömmlingen. Und ob sich das langfristig ändern wird, bleibt abzuwarten. Auch wenn die Regierung gerne Nähe zeigt, werden auch die Medien kein Interesse haben über die Klubs zu berichten, solange sich zu Heimspielen nur gut 1000 Zuschauer einfinden. Denn Auflage versprechen Schlagzeilen über Başakşehir und Osmanlıspor nicht. 

Göztepe hingegen hat jedoch schon jetzt einen höheren Zuschauerschnitt in der 2. Liga als die vorhergenannten Klubs. Und bei einem Aufstieg kämen noch attraktivere Gegner in die nach Süperlig Fußball lechzende Stadt. Nicht nur das, die Fans begleiten ihr Team auch auswärts. Ungewohnt für die Türkei. Zudem wohnen in den meisten Teilen des Landes auch ehemalige Izmiraner, und damit auch Göztepe-Fans, die sich den Auftritt ihres Team in ihrer Wahlheimat dann nicht entgehen lassen. Die Fankultur von Göztepe ist über Generationen gewachsen. Manche Fangruppen existieren schon seit Jahrzehnten. Und auch der tiefe Fall bis hinunter in den Amatuerfussball hat die Fanszene mit gemacht und überlebt.


40.000 beim letzten Spiel in Liga 3 (2011)
Foto: 
CC BY-SA 3.0 by Inanc Bardakcioglu


Fans bringen Rendite


Leidenschaft pur bei Göztepe. Davon können auch Berliner Fans berichten. Bei einem Freundschaftsspiel im Sommer 2003 zwischen Türkiyemspor und Göztepe in Berlin gerieten zuerst nur die Spieler beider Teams aneinander. Drei Platzverweise in der zweiten Spielhälfte brachten auch die Fans in Wallung und Türkiyemsporfans bekamen die Leidenschaft einiger Göztepe Fans zu spüren. Der sportliche Niedergang der letzten Jahre hat sich wohl nur so ertragen lassen. Doch gerade die zu Fanatismus neigende Fanszene macht den Verein nun so lebendig, attraktiv und anders. Ein Potential so groß, wie bei wohl kaum einem anderen Klub, der nicht in der ersten Liga kickt. Izmir und die ganze westliche Türkei sehnt sich fast nach einer neuen Erfolgsgeschichte.  So zieht sich Göztepe-Präsi Sepil schon seit einiger Zeit Stück für Stück aus dem Energiesektor zurück. Damit er mehr Zeit hat für sein Lieblingsprojekt, den Klub. Denn schon jetzt als Aktiengesellschaft organisiert, geht es hier neben dem sportlichen Erfolg auch immer um Rendite. Und die würde ein Aufstieg in die Süperlig endlich garantieren.  Zudem könnte dann ein neuer, alter Slogan die Tribünen im Lande bereichern. Göz-Göz-Göztepe.






Weiterführende Artikel


Großes Derby in der Zweiten Liga

Wenn über Derbys in der Türkei berichtet wird, dann sind es zumeist die Partien zwischen den drei großen Istanbuler Klubs, von denen geschrieben wird. Zudem erhielten eine Zeitlang auch die Derbys der Hauptstadtklubs ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Zu einem Klassiker der ganz anderen Art, kam es am letzten Spieltag der 2. türkischen Liga (PTT 1.Lig), in Izmir. 

tumds.blogspot.de - 10. November 2015, Dienstag
© tumds.blogspot.de


           
           
          

Montag, 18. Mai 2015

Nach Özil & Co.: Die neuen deutschen Trainer kommen

Die Bundesrepublik Deutschland ist faktisch ein Einwanderungsland, auch wenn die Politik dies nicht offiziell benennt. Die Migration seit den 60er Jahren hat das Land nachhaltig verändert. Diese Veränderungen sind in fast allen Bereichen der Gesellschaft festzustellen. Natürlich, auch im Fußball.

Im Fußball lassen sich exemplarisch Entwicklungen der Gesellschaft herauszeichnen. Während die ersten Migranten schon früh ihrem Hobby auch in Deutschland nachgingen, fanden die ersten Spieler mit türkischen, jugoslawischen, griechischen oder italienischen Background ihren Weg in die deutsche Fußballgesellschaft erst spät. Zumeist bei Amateurvereinen fanden sie ein spielerisches zu Hause. Bis der erste Spieler mit türkischen Background seinen Weg in die Bundesliga fand verging jedoch einige Zeit. Für Deutsch-Türken leitete der Stürmer İlyaz Tüfekci eine Zeitenwende ein. Mit seiner Karriere beim VfB Stuttgart und Schalke 04 war er Trendsetter. Nach vielen Jahren, auch harter Kritik an der Art des Fußballgeschäftes, ist heute das deutsche Auswahlteam ohne Migranten nicht mehr denkbar. Das die Migration auch immer Auswirkungen auf die Herkunftsländer hat, lässt sich ebenso hier aufzeigen. So werden in die türkische Auswahl von Trainer Fatih Terim seit Jahren aufgrund des hohen Ausbildungsgrades in Deutschland bzw. Europa regelmäßig Spieler ins Team berufen, die die Türkei zuvor meist nur aus dem Urlaub kannten. Doch nicht nur in der Auswahl sind die Spieler aus Europa wichtige Stützen.

32% Euro-Türken

In der ersten und zweiten Liga der Türkei kommt kaum ein Team ohne Spieler aus Europa aus. Mahmut Uluç recherchierte für das offizielle Fußballmagazin der türkischen Fußballverbandes „Tam Saha“ die Anzahl der türkischen Spieler mit Ausbildung in Europa in der Saison 2012-2013. Demnach waren allein in der ersten türkischen Süperlig 94 Spieler mit einer Ausbildung in Europa aktiv. Unter allen Spielern mit türkischen Wurzeln in der Süperlig machten die Euro-Türken damit einen Anteil von 32% aus. Somit kam jeder Dritte türkische Spieler aus europäischen Fußballligen. Auch in der aktuellen Saison stellen die Euro-Türken einen hohen Anteil von Spielern in den türkischen Profiligen. So wird der Istanbuler Top-Klub Beşiktaş u.a. von dem TV-Sportmoderator Rasim Ozan Küthayalı in der Sportsendung „Beyaz Spor“ aufgrund der vielen Spieler mit europäischen Background, dann auch als Türkiyemspor Beşiktaş tituliert. In ironischer Anlehnung an den legendären Hauptstadt Klub Türkiyemspor Berlin, in dessen Team naturgemäß die Euro-Türken den höchsten Anteil an Spielern stellen. Das dies auch ein Problem aufzeigt, nämlich die anscheinend mangelhafte Nachwuchsarbeit, hat nun auch der Verband in der Türkei erkannt. Denn wenn die 4,5 Millionen Euro-Türken einen Anteil von 32% in der Liga ausmachen, stimmt etwas nicht. Besonders im Vergleich zu den 75 Millionen Einwohnern in der Türkei, sind diese Zahlen ein Alarmsignal für die Nachwuchsarbeit in der Türkei. Im Zuge einer Regeländerung für die Saison 2015-2016 will der Verband nun Jugendspieler aus der Türkei besonders fördern. Ob dies mit dem angekündigten Programm einer Freistellung des Kontingents von ausländischen Spielern und einer gleichzeitigen Einführung eines Kontingents für Euro-Türken gelingen wird bleibt abzuwarten.

Ein langer Weg

Migranten in der Bundesrepublik brauchten einen langen Atem um den heutigen Status Quo zu erlangen. Denn die Protagonisten der Vereine und Verbände des Fußballgesellschäfts gelten nicht als gesellschaftlich progressiv oder als Vorreiter. So bedurfte es trotz der allgegenwärtigen Fußballbegeisterung bei jungen Migranten einiger Umwege um zu der Stellung zu gelangen die heute im Fußball eingenommen wird. Ressentiments und kulturelle Mißverständnisse behinderten eine rasche Aufnahme der neuen Spieler. Eine der Reaktionen darauf war die Gründung von eigenen Vereinen. Und noch heute klingen die Begegnungen in den Amateurligen wie ein ständig stattfindender Europa-Pokal, wenn Teams wie FC Espanol und Lupo-Martini aufeinandertreffen. Klubs wie Türkiyemspor Berlin, Münih Türkgüçü, Köln Yurdumspor oder auch SD Croatia klopften sogar schon an die Türen des Profisports.

Der sportliche Erfolg dieser Teams in den achtziger und neunziger Jahren sorgte auch für ein Umdenken in eingesessenen Vereinen und Verbänden. Nun vollzog sich eine Öffnung und in den Jugendteams fanden sich immer mehr Spieler mit Migrations-Background. Noch heute reicht ein Besuch am Wochenende auf einem der zahlreichen Sportplätze im Westen der Republik aus, um die Ergebnisse dieser Öffnung zu bestaunen. Besonders in den unteren Jahrgängen haben weit über 50% der Spieler einen Migrationshintergrund. Doch nach oben nimmt der Anteil dieser Spieler wieder ab. Hinter vorgehaltener Hand wird über Quoten nach Herkunft in den Nachwuchsteams renommierter Vereine berichtet. Augenfällig ist zumindestens das die Zahl der Fußballdeutschen von U9 Teams bis hin zu den U19 Teams konsequent abnimmt. Dies lässt sich wohl nicht nur auf soziologische Gesichtspunkte zurückführen.

Auf dem Platz ist nicht neben dem Platz

Nun mit der dritten Generation von Spieler mit Migrations-Background in der BRD lässt sich feststellen, dass die Veränderung der Spielerherkunft nicht am Fußballplatz halt macht. Nachdem die sogenannten Migrantenvereine, sich den Verbänden anschlossen, begann hier der Marsch durch die Institutionen. Heute nehmen Migranten in vielen Verbänden Funktionen ein, doch im Verhältnis zur Spielerschaft immer noch sehr wenige. In Berlin z.B. sitzt mit Mehmet Matur nur eine Person mit Migrations-Background im Präsidium. Dabei ist Mehmet Matur dann auch noch klassisch zuständig für sogenannte Integrationsaufgaben. Seit 2006 hat auch der DFB mit Gül Keskiner eine Integrationsbeauftragte mit türkischen Background. Der 42-küpfige DFB-Vorstand besteht jedoch ausschließlich aus Bio-Deutschen. Keskiner hat zu mindestens im Vorstand eine beratende Stimme. Funktionäre außerhalb der klassischen Migrantenvereine mit Migrationsbackground sind ebenfalls schwer zu finden. An den Vereinsleitungen scheinen 60 Jahre Migrationsgeschichte komplett vorbei gegangen zu sein.

Eine weitere Parallele dazu lässt sich im Trainerwesen beobachten. Während in den unzähligen Jugendteams der Republik schon längst zum Alltag gehört das Trainer nicht Micha oder Frank heißen müssen, sind Trainer mit Migrations-Background im Profibereich auffällig selten. Gesetzt wird noch immer eher auf erfolgreiche Trainer aus dem Ausland, die für viel Geld transferiert werden. Wie in den siebziger Jahren als internationale Fußballstars, die als Fußball-Migranten auf internationaler Transferbasis bei den großen Klubs die Töppen schnürten das Bild bestimmten und das Potenzial vor der Haustür übersehen wurde. In den beiden Bundesligen waren bisher nur vier Trainer mit türkischen Background tätig: Özkan Arkoç, Mustafa Denizli, Tayfun Korkut und Taşkın Aksoy. Dabei fallen die beiden erst genannten sogar eher in die Kategorie der Transfer-Migranten. Mit Tayfun Korkut und Taşkın Aksoy haben sich erstmals ehemalige Spieler aus der Bundesrepublik mit türkischen Wurzeln als Trainer im Profigeschäft zu Wort gemeldet. Dabei liegen die Qualitäten auf der Hand. Analog zu den Fußballern mit Migrationshintergrund, haben auch diese ihre Ausbildung in Deutschland genossen. Sie sind somit top-ausgebildet, und haben zudem auch internationale Erfahrungen sammeln können. Aksoy zum Beispiel hat nicht nur als Spieler in der Bundesrepublik und in der Türkei gearbeitet, sondern auch für den DFB als Ausbilder in Südafrika und Azerbaidschan. Zwei oder Drei Sprachen gehören zur Standardausrüstung dieser Trainergeneration. Ein Plus welches nur wenige Jungtrainer mit sich bringen können. Zudem sind diese Fachkräfte sensibilisiert im Umgang mit Ausgrenzungssystemen und können, sowohl bei der Sichtung als auch im Trainingsalltag Spieler anders erreichen, als Trainerkollegen die diese Fähigkeiten nicht mitbringen.

Neuen Trainern gehört die Zukunft

Ein weiteres Potential der neuen deutschen Trainer liegt in der Identifikationskraft dieser Personen. Nicht zuletzt der Wandel der bundesdeutschen Auswahl hat gezeigt, welch gesellschaftliches Veränderungs- und Bindungspotential hier schlummert. Während sich in den achtziger und neunziger Jahren kaum ein Migrant in der Bundesrepublik für die DFB-Elf begeisterte, hat mit dem Wandel in der Zusammenstellung des Teams auch eine Änderung in der Wahrnehmung stattgefunden. Heute wird das DFB-Team längst auch in Köln-Kalk und Berlin Kreuzberg bejubelt. Vereine könnten davon noch mehr profitieren wenn sie nicht nur Spieler mit Migranten-Wurzeln berücksichtigen, sondern auch Trainern den Weg öffnen würden und somit weitere Sympathiepunkte in der Öffentlichkeit für den Klub erzielten.

Doch wird das Potential dieser neuen Trainer nicht nur in Deutschland noch nicht gebührend gewertschätzt. Auch in der Türkei wird weiterhin auf das althergebrachte vertraut. Und wenn ein Trainer aus dem Ausland verpflichtet werden sollen, dann sind es Trainer ohne türkischen Background. Dabei wäre nicht nur zur Integration der Euro-Türken und der klassischen Auslandstransfers in die Teams der Süperlig ein Tayfun Korkut oder Taşkın Aksoy ideal. Zudem könnte der türkische Fußball von dem Input, dem Bildungshintergrund und den Erfahrungen dieser Trainer profitieren. Trainer aus dem Ausland haben nicht nur mit kulturellen Schwierigkeiten und Sprachproblemen zu kämpfen, sondern sind auch immer auf Zeit auf Abruf in der Türkei, des Geldes wegen. Eine nachhaltige Entwicklung des türkischen Fußball steht nicht auf ihrer Agenda. Und das die neuen Trainer dieser Einstellung entegengesetzt über den Spielfeldrand hinaus denken, beweisst Taskin Aksoy in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Al-Jazeera vor einer Woche, in dem er den deutschen und türkischen Fußball einer klaren und kritischen Analyse unterzog.

Wer wird der Derwall 2.0?

Schon einmal wurde der türkische Fußball durch einen Trainerimport aus Deutschland revolutioniert. Ohne den Einfluss von Jupp Derwall wäre der moderne türkische Fußball kaum denkbar. Die Arbeit Jupp Derwalls, welcher von 1984 bis 1987 Galatasaray Istanbul trainierte, danach als Berater des türkischen Verbandes tätig war und mit seinem Wissen und Engagement das Trainingswesen in der Türkei revolutionierte hat bis heute seine Spuren hinterlassen. So ging z.B. auch der türkische Auswahl-Trainer Fatih Terim durch seine Schule. Der türkische Fußball hat mit seinem Erfolgshoch Anfang des Jahrhunderts eben mit den Schülern Derwalls seinen vorläufigen sportlichen Höhepunkt erlebt. Um an diese Höhepunkte anzuknüpfen bedarf es einschneidender Änderungen. Einen Input von außen. Und warum soll der nächste Derwall in der Türkei nicht Tayfun Korkut oder Taskin Aksoy heißen?

Denn eins ist sicher, die Taşkın Aksoys werden ihren Weg gehen. Nicht nur die Anzahl der neuen Trainer mit bi-kulturellen Wurzeln steigt, zudem werden auch noch von den jetzt aktiven Spielern den Altıntops, den Özils, den Khediras, einige nach dem Ende der aktiven Spielzeit, ihren Weg auf die Trainerbänke finden. Denn ein Fußballerleben besteht aus verschiedenen Phasen. Es bleibt nur die Frage wer ihr Potenzial zuerst entdeckt. Und mit den Taşkın Aksoys wird dann sowohl in Europa als auch in der Türkei ein neues Kapitel Fußballgeschichte geschrieben, denn mit dem Einzug dieser neuen Trainer wird sich nicht nur das Denken bei Vereinen und Verbänden internationalisieren, sondern auch das Personal. Der Schlüssel zu einer wirklichen die moderne Einwanderungsgesellschaft repräsentierenden Sportpolitik liegt in der Eingliederung von eben jenen in alle Entscheidungsprozesse des Sports.



Dienstag, 24. Februar 2015

Türkei: Gesellschaftliche Realität holt Sport ein

Seit nunmehr über einem Jahr sind in türkischen Fußballstadien politische Äußerungen verboten. Zumeist wird dieses Verbot nur auf oppositionelle Gruppen angewendet wird, der Regierung nahestehende Bekundungen wie Unterstützung der Opposition in Ägypten oder großosmanische Träume bleiben von diesem Verbot unberührt. Doch trotzdem finden sich immer wieder gesellschaftspolitische Äußerungen in den Stadien wieder.

Wie zuletzt bei den Grubenunglück in Soma (siehe: Grubenunglück in Soma: Fußballklubs helfen), dem twitter-Verbot (siehe. Galatasaray setzt sich für twitter ein ) kann sich der Sport nicht komplett in einen von der Gesellschaft abgekapselten Raum zurückziehen. Zu groß ist die emotionale Entrüstung bei aktuellen Themen, so groß dass ein Nicht-Verhalten den Vereinen, Spielern oder Fans negativ entgegenschlagen würde.

Vergewaltigung und anschließender Mord schockt das Land

Mit der Vergewaltigung und dem anschließenden Mord an der Studentin Özgecan Aslan im der südtürkischen Stadt Mersin, wurde die Öffentlichkeit in der Türkei erneut schmerzlich mit der zunehmenden Gewalt gegenüber Frauen konfrontiert. Und diese Tat scheint der berühmte Tropfen zu sein, der das Faß zum überlaufen brachte. Denn in den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Opfer erheblich gestiegen, oder zu mindestens die Wahrnehmung dieser Taten, wie Familienministerin Islam der Presse gegenüber anmerkte. Zahlen veröffentlichte die Webseite „dogruluk payı“, die politische Äußerungen von Politikern untersucht und auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft. Demzufolge sind nur in den Jahren 2002-2013 allein 13381 Frauen infolge von Gewalteinfluß verstorben. (Siehe: http://www.dogrulukpayi.com/beyanat/54e44aa24f8cc )

Nun, seit dem Mord an Özgecan gibt es täglich im Land Erinnerungsmärsche und Demonstrationen gegen Gewalt von Männern, bei twitter und dem türkischen online-Dictionary „ekşi sözlük“ posten unter dem Hashtag #sendeanlat Frauen aus der Türkei ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen.

Auch Sportscene geschockt

Der Tod von Özgecan Aslan hat das Land erschüttert, so sehr erschüttert, dass dies auch in der Fußballscene seinen Ausdruck fand. Den Anfang machte einer der erfolgreichsten Trainer des Landes. Mustafa Denizli zur Zeit als Kommentator bei dem Pay-TV Sender Lig TV tätig, äußerte sich Live on air. Angesprochen auf das Spiel Gaziantepspor gegen Fenerbahçe antwortete er: „ Meine Gedanken beschäftigen sich nun nicht mit Fenerbahce oder so. Meine Gedanken sind bei Özgecan Aslan.“ Danach führte er die Abscheulichkeit der Tat aus und betitelte sie als mittelalterlich. Daraufhin übte er scharfe Kritik an den Medien und schloß seine Ausführungen mit der rhetorischen Frage. „Nach solch einer Tat, wie können wir in unserem Land da noch über Fußball reden?“ Auch der berühmte Ex-Nationalstürmer und Parlamentsabgeordnete Hakan Şükür unterstützt die Äußerungen Denizlis per twitter. Zudem haben viele Fans in der Türkei ihre Trauer und ihre Wut per Transparenten in den Stadien getragen, sei es bei den großen Vereinen in Istanbul, aber auch bei Spielen in Anatolien und an den Küsten wurde Özgecans Aslan gedacht. Auch Spielerinnen und Spieler beteiligten sich. Galatasaray lief mit einem Transparent auf und in der Heimatstadt Özgecans, Mersin , lief der ansässige Klub Mersin İdmanyurdu in T-Shirts auf, auf denen ein Foto Özgecans abgebildet war.

Die Eingang von gesellschaftspolitischen Ereignissen in den sportlichen Alltagsdiskurs in der Türkei wird aufgrund der repressiv ausgelegten Regierungspolitik immer seltener. Aber das Beispiel Özgecan Aslan zeigt, das Politik nie ganz aus den Stadien raus zu bekommen ist.

Querpässe ins Abseits

Wohin diese Diskurse führen können wenn sie von der Sportwelt adaptiert werden, oder bzw. auf welchen Niveau diese Diskurse dann geführt werden zeigt folgendes Beispiel. „Beyaz Futbol“ ist eine der unzähligen Talkshows zum Thema Fußball, welche an Spieltagen die Sendeplätze der großen und kleinen TV-Stationen besetzen. Hier sitzen dann hauptsächlich Männer zusammen, die teils informativ und sachlich, jedoch auch oft provokativ und laut die aktuellen Szenen des Spieltages kommentieren. Auch gesellschaftspolitische Themen finden hier zuweilen Eingang in die Produktionen. So auch bei „Beyaz Futbol“ letztes Wochenende. Im Hintergrund wurde regelmäßig ein Bild Özgecans eingeblendet, mit trauriger Musik unterlegt und die TV-Show Protagonisten legten ihre ernstesten Minen auf. Bis dahin alles ganz normal. Bis mitten in der Sendung Pop-Star und Ex-Survivor Kandidat Nihat Doğan im Studio anrief und durchgestellt wurde. Zuvor war Nihat Doğan öffentlich scharf kritisiert worden, für einen Tweet der sexuelle Übergriffe auf Frauen indirekt als Folge der laizistischen Politik bezeichnete. Dies wollte er nun bei „Beyaz Futbol“ klar stellen. Doch er kam kaum zu Wort. Minutenlang wurde auf ihn energisch eingeredet. Besonders Ahmet Çakar, ehemaliger Schiedsrichter, schrie den Musik-Star an. „Entschuldige Dich und leg auf. Du sollst Dich nur entschuldigen und auflegen.“ Irgendwann murmelte Nihat, in Tränen aufgelöst, so etwas wie einige Entschuldigung. Doch gerade die lautstarke Echauffierung des Ex-Schiedsrichters brachte nun ihn selbst in die Kritik. Hat Ahmet Çakar doch in der gleichen Sendung vor ein paar Jahren noch, im Zusammenhang mit einer anderen Missbrauchs-Diskussion, die entsetzliche These aufgestellt, dass eine Frau die nicht wolle, auch nicht vergewaltigt werden könne. Nun steht er selbst wieder im Kreuzfeuer der Kritik.

Fenerbahce Fangruppe 12numera.org prangert Äußerungen von Ahmet Çakar an:

Doch auf für Nihat Doğan ist noch keine Ruhe angesagt. Der leidenschaftliche Galatasaray-Fan ist auch Mitglied bei den Löwen. Doch einen offensichtlichen sexistischen Atatürk-Feind will der Verein dann doch nicht haben. Flugs wurde auf einer Vorstandssitzung der Ausschluß von Nihat Dogan eingeleitet. Er selbst schießt nun zurück und fordert die Rückzahlung von Beträgen die er zur Unterstützung des Vereins geleistet habe. Die Reaktion von Galatasaray kam prompt und fragt öffentlich, von welchen Geldern denn hier gesprochen würden und fordert indessen noch ausstehende Mitgliedsbeiträge ein.

Fotos von Protesten der Fußballfans findet ihr hier.
Türkische Fussballfans gegen Gewalt gegen Frauen
Istanbul-Fans gedenken Özgecan Aslan