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Donnerstag, 15. Dezember 2016

U19 Team mit #GoodNews

Etwas ganz besonderes spielte sich am 15. Spieltag der U19 Fußball-Liga in der Türkei-Istanbul ab. Das Team von Galatasaray ließ mit Absicht einen Gegentreffer zu, weil sie zuvor selbst einen Treffer unfair erzielten. Quasi ein Eigentor ohne direktes Zutun. Eine Passivität des Fair-Play.

Die U19 Ligen in der Türkei stehen nicht oft im Blickpunkt. Doch das Spiel von der Begegnung zwischen Galatasaray und dem Istanbuler Club Fatih Karagümrük brachte es in die Medien. Nicht weil Galatasaray das Spiel gewonnen hat, oder weil es harte Auseinandersetzungen auf dem Platz gab, noch waren kuriose Schiedsrichterentscheidungen der Grund für die außerordentliche Aufmerksamkeit. Es gibt noch nicht mal Handyvideos von dem Spiel. Der Grund für die Medienwahrnehmung war eine Geste der Fairness der Spieler von Galatasaray.

Warum Galatasaray freiwillig einen Gegentreffer kassierte


Beim Stand von 1:0 für die gelb-roten von Galatasaray erzielte Onat Kutay Kurt in der Schlußminute der ersten Spielhälfte das 2:0. Doch Onat Kutay Kurt bemerkte nicht, dass zuvor ein Spieler von Karagümrük nach einem Zweikampf am Boden liegen blieb. Onats Mitspieler machten sich gegenseitig auf die Situation aufmerksam um das Spiel zu unterbrechen. Doch Onat bekam von alledem nichts mit und traf zum unumjubelten 2:0. Danach ging es direkt in die Pause.

Die zweite Halbzeit begann dann mit einem Paukenschlag. Fatih Karagümrük kam gleich im ersten Spielzug zum 2:1 Anschlußtreffer. Und dieser wurde eigentlich erst durch Galatasaray ermöglicht. Denn in der Halbzeitpause fasste das Team von CimBom den Entschluss, nach dem erneuten Anpfiff auf ihren Positionen zu verharren und Fatih zu ermöglichen einen Treffer zu erzielen um den unfair erzielten Treffer aus der ersten Halbzeit zu egalisieren. So kam es dann auch und Semih Can Asik war es vergönnt, einen der einfachsten Treffer der Fußballgeschichte zu erzielen. Trotzdem gewann Galatasaray (3:1). Doch hat das Team am Wochenende weit mehr gewonnen als 3 Punkte. Die Herzen der Menschen und das zu Recht.  Denn das Team hat Initiative ergriffen und eine Lösung für eine Ungerechtigkeit, außerhalb der vorgegebenen Regeln getroffen. Und damit Stellung bezogen für Fairness und Gerechtigkeit.



Beteiligt an der spontanen Fair-Play Aktion waren die Spieler Yakup Mert, Çakır, Batuhan Isık, Batuhan Tekin, Jaser Javier Çavdar, Furkan Korkut, Barış Zeren, Alperen Kılıç, Selman Eser, Onat Kutay Kurt, Hami Baytar, Ercan Taşkın. Trainiert wird das Team von Ceyhun Müderrisoğlu.

Das Team mit dem Fair-Play-Charme tritt am 18.12. erneut an. Anpfiff für die U19 Begegnung von Büyükçekmeçe Tepeçikspor und Galatasaray ist um 13 Uhr im Tepeçik Stadion.

Sonntag, 11. Dezember 2016

Update 3: 44 Tote und 155 Verletzte nach Anschlag an Vodafone-Arena

Zwei Explosionen erschütterten Samstagabend Istanbul. Im Anschluß an die Süperlig Partie zwischen Beşiktaş und Bursaspor kam es kurz nach dem Abzug der Gästefans aus dem Stadion zu zwei lauten Explosionen in unmittelbarer Stadionnähe. Offiziellen zu Folge soll es mindestens 44 Tote und 155 Verletzte gegeben haben, darunter auch Vereinsmitarbeiter von Beşiktaş. Die Explosionen werden auf ein explodiertes Fahrzeug und einen Selbstmordattentäter zurückgeführt.

Um 21 Uhr war rings um die Vodafone-Arena in Beşiktaş in Istanbul noch die Freude tausender Fußballfans Ton angebend. Beşiktaş besiegt Erzrivalen Bursaspor in einer dramatischen Begegnung mit 2:1. Und ist jetzt punktgleich mit Tabellenführer Başakşehir, die gleichzeitig bei Gençlerbirliği über ein 0:0 Unentschieden nicht hinauskamen. Freude wohl auch beim Fußballverband, der Polizei und den Verantwortlichen beider Vereine. Denn das erste mal nach sechs Jahren durften wieder Fans aus Bursa ins Stadion und alles blieb friedlich. In den Jahren vor dem Gästefanverbot zwischen Beşiktaş und Bursa gab es regelmäßig heftige Fanauseinandersetzungen vor und nach dem Spiel. Doch die Freude über die friedvolle  Durchführung der Süperlig-Partie, wich nur knapp zwei Stunden später blankem Entsetzen.




Anschlag reisst Istanbul aus dem Wochenende


Zwei Explosionen erschütterten die Umgebung des Stadions. Die Schallwellen breiteten sich über das Meer durch die ganze Stadt aus und waren sogar im knapp 30 Kilometer entfernten Stadtteil Kartal noch zu hören und zu spüren. Schnell brachten die sozialen Medien Meldungen und Videos. Ein Mitschnitt von Beşiktaş TV machte die Runde, bei dem die Studioreporter Live im Studio erschrocken die Explosionsgeräusche mitbekamen. Auch ein Video von Gitarre spielenden Jugendlichen auf der asiatischen Seite der Stadt zeigte die dramatischen Sekunden. Während die Jugendlichen mit dem Rücken zum Bosporus saßen, filmte ein Freund ihre öffentliche Jamsession. Plötzlich ist, im Hintergrund auf der anderen Seite des Bosporusses, eine enorme helle Explosion zu sehen. Während der Kameramann entsetzt,  versucht in Worte zu fassen was er so eben mit der Kamera eingefangen hat,  spielen die nichts sehenden ihren Song weiter. Noch bevor sie sich umdrehen um zu schauen, was ihren Freund so in Rage bringt, erreicht die Schallwelle die asiatische Seite. Der Knall wirft alle drei auf den Boden.




Polizeibeamte als Ziel ?



Offizielle sprachen zuerst von ca. 20 Verletzten, doch im Laufe des Abends wurden die Zahlen korrigiert und bekanntgegeben, dass es auch Todesopfer gegeben habe. Über die Anzahl gab es zuerst keine Angaben. Jedoch wurde bestätigt, dass es sich um zwei Explosionen gehandelt habe. Eine, die größere, hat sich am Beleştepe, dem Umsonst-Hügel, ereignet. Ein kleiner Hügel am Rande der Vodafone-Arena, an dem sich noch vor dem Neubau des Stadions an Spieltagen hunderte von Fußballfans einfanden, da hier ein Teil des Spielfeldes eingesehen werden konnte. Hier  wurde umsonst Beşiktaş gesehen und gefeiert. Mit dem Neubau bot der Hügel keinen Umsonst-Einblick mehr auf das Spielgeschehen und dann hat die Polizei dort regelmäßig bei Beşiktaş spielen Stellung bezogen. Ein Wasserwerfer und etliche Beamte gehören an diesem Standort zum Standard bei Beşiktaş Spielen. Und genau dort, in der Nähe der Beamten, fand dann die stärkere der beiden Explosionen statt. Der türkische Innenminister Süleyman Soylu sprach dann auch in seiner ersten Erklärung von ausschließlich verletzten Polizeibeamten, denen der Anschlag gegolten habe. Gegen 3 Uhr nachts gab dann das Gesundheitsministerium bekannt, dass es insgesamt 15 Todesopfer gegeben habe und 69 Verletzte. Eine Stunde später korrigierte das Innenministerium die Zahlen erneut: 29 Tote und 166 Verletzte, davon 27 Polizeibeamte. Sonntagmorgen wurde die Opferzahl erneut korrigiert und  mit 38 Todesopfern und 155 Verletzten angegeben. 





Anschlag tötet Klubmitarbeiter



So steht die Türkei einmal mehr unter Schock. Der Putschversuch vom Sommer 2016 ist noch nicht vergessen und auch blutige Terror-Anschläge verschiedenster Gruppierungen sind schrecklicher Alltag geworden. Doch der Anschlag an der Vodafone-Arena bedeutet wohl mehr. Greift er doch genau da an, wo noch die Normalität, der Alltag, - irgendwie immer weiter ging. Beim Fußball. Bursaspor hat dann noch in der Nacht mit Rücksprache von Fangruppen vermeldet, dass es keine Bursa-Fans unter den Verletzten und Opfern gegeben habe. Beşiktaş hingegen muss Opfer beklagen. Ein Kongressmitglied und ein Mitarbeiter des Kinderbereichs befinden sich unter den Opfern. Trauer legt sich über den Fußball. Auch Galatasaray und Fenerbahçe verurteilen den Anschlag und veröffentlichten Erklärungen auf ihren Homepages und tweeteten Images mit Trauerbekundungen. Ein verzweifelter Hilfeschrei der Klubs, deren Freude über Tore und Siege drohen unterzugehen in Tränen und Blut.


Update: Staatstrauer



Die Zahl der Opfer wurde von offizieller Seite noch einmal aktualisiert. Es wird jetzt von 38 Toten und 155 Verletzten ausgegangen. Über die Tätergruppe gibt es weiterhin Spekulationen, von Seiten der Regierung wird eine Täterschaft der PKK, oder ihr nachstehender Gruppen thematisiert. Für die Opfer aus Polizeikreisen, wurde am frühen Sonntag eine Gedenkveranstaltung durchgeführt. Für 15 Uhr Ortszeit ist ein Trauermarsch von Besiktas aus zum Vodafone-Stadion angekündigt worden. Für einen Tag ist Staatstrauer ausgerufen worden. Der türkische Fußballverband (TFF) hat angekündigt, das alle Spiele der professionellen Ligen am heutigen Sonntag und Montag, jedoch stattfinden werden. Die Fahnen an den Stadien werden auf Halbmast gesetzt, mit einer Schweigeminute soll an die Opfer erinnert werden. Musik wird in den Stadien nicht gespielt werden.  


Update 2:  TAK bekennt sich zu Anschlag


Die Terrorgruppe Freiheitsfalken Kurdistans bekennen sich zu Anschlag an der Vodafone-Arena. Der Anschlag reiht sich somit in eine Serie von Anschlägen der TAK, die allein 2016 über 100 Menschen das Leben kosteten. Zuvor war die Terrorgruppe besonders bis 2006 aktiv. Danach gab es nur vereinzelt Anschläge. 2016 ist nunmehr zum Höhepunkt der Gruppe geworden, die sich zum Zeil gesetzt hat mit spektakulären Aktionen auch gegen Touristen für Aufsehen zu sorgen. Die TAK ist eine Abspaltung der PKK, denen die PKK zu soft ist. 


Update 3: Fußballfans planen Demo gegen Terror 

Der türkische Gesundheitsminister hat die Zahlen nach dem Anschlag an der Vodafone-Arena erneut nach oben korrigieren müssen. Er spricht nun von 44 Todesopfern und 155 Verletzten. Im Gegensatz zu den vorherigen Anschlägen in Istanbul im Jahr 2016 wird öffentliche bekundete Anteilnahme diesmal nicht unterbunden. Tausende von IstanbulerInnen machen davon Gebrauch und finden sich am Anschlagsort ein und demonstrieren u.a. mit türkischen Fahnen und Nelken gegen den Terror. So hatte u.a. die sozialdemokratisch-kemalistische Partei CHP am Sonntag mit einem Schweigemarsch von Beşiktaş zum Stadion den Opfern gedacht. Für den heutigen Montag hat die Fangruppen Çarşı zu einem Trauerzug ebenfalls von Beşiktaş zum Stadion aufgerufen. Start des Marsches soll um 19:23 das Adler-Denkmal im Zentrum von Beşiktaş sein. Auch Fangruppen von Fenerbahçe und Galatasaray rufen zu der Demonstration auf. 

Aufruf zur Fandemonstration gegen Terror, am Montag um 19:23 Uhr


Die Fußballspiele vom Sonntag standen ganz unter dem Eindruck der blutigen Anschläge. In verschiedenen Stadien solidarisierten sich Fans und Spieler mit der Polizei. Sei es mit Handshakes mit den Sicherheitskräften wie bei Galatasaray beim Einmarsch in die Telekom Arena, oder beim Torjubel. Hier gingen Spieler, nach dem erzielten Treffer, auf die am Spielfeldrand stehenden Polizisten zu und umarmten sie. Auch die spanische La Liga gedachte der Opfer von Istanbul mit Schweigeminuten im Vorfeld der Ligaspiele vom Sonntag. Die UEFA veröffentlichte eine Beleidesbekundung.  

Am Mittwoch soll dann in der Vodafone-Arena wieder Fußball gespielt werden. Beşiktaş trifft dann auf Kayserispor. Klubchef Fikret Orman kündigte an mit den Familien der Opfer im Stadion zu sein. Zudem erklärte er, dass der Klub am Mittwoch die Dauerkarten für einen Tag einfrieren werde, die Einnahmen aus der Partie sollen den Familienangehörigen der Opfer gespendet werden. Auch hierzu rufen Fangruppen anderer Klubs auf, um Solidarität zu zeigen und sich am Mittwoch im Stadion einzufinden.
  

           
           
          

Dienstag, 29. November 2016

Başakşehir erobert Süperlig

Kaum einer hatte mit Başakşehir in der türkischen Süperlig gerechnet. Doch nach 12  Spieltagen steht das Team von Abdullah Avcı ungeschlagen an der Spitze. Auch am letzten Wochenende sollte die Serie nicht reißen. Der amtierende Meister Beşiktaş mußte sich mit einem 1:1 im heimischen Stadion zufrieden geben. Vice Sports sprach mit Vaha Co-Founder Harald Aumeier über die Hintergründe des Erfolgs.

Die Bilanz gegen die großen Teams spricht Bände.  Gegen Fenerbahçe (1:0) und gegen Galatasaray (2:1) wurden Siege eingefahren und jetzt das Unentschieden bei Beşiktaş.  30 Punkte, Torverhältnis von 27 zu 8, Platz 1. Başakşehir spielt dazu nicht nur ergebnisorientiert. Sondern begeistert mit schnellem Umschaltspiel. Analog zu Red Bull Leipzig. Laut Aumeier ist Başakşehir nun auch einer der großen Favoriten auf den Titel. Die ganze Story von Markus Hoffman ist unter dem Titel „Wie Istanbul Başakşehir mit Erdoğans Hilfe die Süperlig erobert“ bei Vice Sports ist hier nachzulesen. Erschienen ist die Story zudem auch auf Niederländisch





Wie Istanbul Başakşehir mit Erdoğans Hilfe die Süperlig erobert

Istanbul führt mal wieder die Tabelle der türkischen Süper Lig an. Die Rede ist aber nicht von Galatasaray, Fenerbahçe oder Beşiktaş, sondern von Istanbul Başakşehir—einem Verein, der den meisten Fußballfans außerhalb der Türkei nur wenig sagen wird.  ...

sports.vice.com - 22. November 2016, Dienstag
© sports.vice.com




DE TURKSE CLUB DIE MET HULP VAN ERDOĞAN DE SÜPER LIG VEROVERT

Istanbul staat weer bovenaan in de Turkse competitie. Dit keer is het echter niet Galatasaray, Fenerbahçe of Beşiktaş, maar Istanbul Başakşehir – een club die de meeste voetbalfans buiten Turkije waarschijnlijk weinig zal zeggen. De club uit de gelijknamige wijk heeft dit seizoen gewonnen van Gala en Fener, de twee grootste Turkse clubs.  ...

sports.vice.com - 25. November 2016, Freitag


Donnerstag, 24. November 2016

Champions League lernt Gebärdensprache

Es war ein denkwürdiges Champions League Spiel zwischen dem türkischen Meister Beşiktaş und seinem portugisieschen Titelkollegen. Zur Halbzeit lagen die Istanbuler schon 0:3 zurück, ehe sie in der zweiten Hälfte den Spielstand egalisierten. Dieses 3:3 wird so schnell keiner vergessen. Dabei wird das Spiel auch aufgrund einer Aktion von Verein und Fans in Erinnerung bleiben. Zum Spielbeginn wurde Stellung bezogen gegen Rassismus. Der Clou: In Gebärdensprache.

#silentcheer oder auf Türkisch #SessizTezahürat waren die Hashtags mit denen im Vorfeld der Begegnung zwischen Beşiktaş und Benfica Lissabon für die Aktion geworben wurde. Demnach sollten die Beşiktaş-Fans in der ersten Spielminute der Partie des 5. Spieltages in der Champions League Gruppe B auf den Rängen still verharren um dann in Gebärdensprache „Kein Rassismus“ und „Schwarzer Adler“ zu äußern. Ziel dieser Aktion, zu der in einem eigens angefertigten Video die Beşiktaş Profis Hutchinson, Beck, Uysal und İnler  die Symbole der Gebärdensprache für die zu formenden Worte vorführten, soll der Kampf gegen Rassismus, als auch eine Sensibilisierung für die Probleme von Personen mit Handicaps sein. Im Video  wird auch Bezug genommen auf den Dezibel-Rekord, den die Fans von Beşiktaş weltweit innehaben sollen, nun wollen sie einen weiteren Punkt setzen. Laut Video: Ein weltweit einmaliger lautloser Protest.

Info-Video mit Profis zur Aktion #silentcheer


In der Tat war die Umsetzung der Aktion in der Vodafone Arena dann einmalig. Wohl noch nie hat eine Menschenmenge dieser Größenordnung in Gebärdensprache kommuniziert. Und damit auch eine breite Öffentlichkeit für die Gebärdensprache, als auch für den Hintergund ihrer SprecherInnen geschaffen. Das neben dem Klubsymbol „Schwarzer Adler“, auch noch der Slogan der UEFA „No Rasiscm“ aufgegriffen wurde wirkt dann zwar verwirrend, aber es ist ja gut gemeint. Hier könnt ihr die Fans von Beşiktaş im Stadion während der Aktion sehen.    


Gebärdensprache von Tausenden von Fußball-Fans


Die Aktion und Reaktionen darauf auf twitter:


           
           
          

Freitag, 23. September 2016

Piraten haben es schwer

Mit dem Abschneiden der Piraten Partei bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen wurde einmal mehr deutlich wie schwer das Leben eines Piraten ist. Dabei haben die politischen Freibeuter es vergleichsweise mit Luxusproblemen zu tun. Weltweit agierende Produktpiraten leben nicht nur mit einem Bein im Knast sondern müssen sich auch permanent an die Designer der großen Firmen, die sie kopieren, anpassen. Da kann einiges schief gehen.

Produktpiraterie ist trotz der politischen Ächtung beliebt. Schnell lässt sich für wenig Geld, die teure Uhr, die exklusive Handtasche im Internet bestellen. Auch auf Straßenmärkten winken die vermeintlichen Schnäppchen und das obwohl Polizei, Medien und Politik immer auf die Gefahren von möglichen Strafen auch für die Käufer bis zu gesundheitlichen Schäden hinweisen. Doch die Produktpiraten sind nicht tot zu kriegen. Auch der Sportbekleidungsmarkt leidet unter den Angriffen der Textil-Freibeuter. Kaum ein Produkt der großen Firmen wie Adidas, Nike und Puma, welches nicht auf dem Schwarzmarkt, teilweise in erstaunlich guter Qualität auftaucht. Die Schäden die den original Herstellern allein in Deutschland entstehen werden nach Schätzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages auf 50 Milliarden Euro geschätzt.  

Original, Fake und Funfake


Produktpiraten müssen dabei auf einen komplett eigenen Produktions- und Vertriebsweg zurückgreifen. Eine Form der organisierten Kriminalität. Bei Textil Produkten fällt neben China auch immer der Name der Türkei. Fast jeder Türkei-Urlauber kann davon berichten, dass beim Schlendern über Märkte in Istanbul oder in den Touri-Zentren von Antalya und Alanya offensichtlich gefälschte Produkte angeboten werden. Zu Preisen, bei denen es schwer fällt Nein zu sagen. Zu dem wenn die Qualität der Produkte denen des Originals immer öfter in nichts nach stehen.


Das Angebot der Produktpiraten in der Türkei lässt sich dabei in drei Gruppen gliedern. In einer Grauzone befinden sich Originalprodukte, die auf den Märkten des Landes angeboten werden. Denn die Textilherstellung in der Türkei ist ein wichtiger wirtschaftlicher Motor im Land. Allein 2015 wurde durch Importe der legalen Textilbranche, nach Zahlen des Wirtschaftsministeriums der Türkei, ein Umsatz von fast 25 Milliarden US Dollar erzielt. Somit macht die Branche 17% des gesamten Export Volumens der Türkei aus. Dabei hat die Textilverarbeitung in der Türkei Tradition, die Anbieter liefern qualitativ hochwertige Ware und produzieren ganz legal für weltweit agierende Firmen, auch im Sportbereich für Adidas, Puma oder Nike. Auch viele Fußballvereine sind dazu übergegangen ihren eigenen Merchandising-Stuff zu produzieren und auch hier kommt die Türkei ins Spiel. So werden Fanutensilien für Bayern, Dortmund, Schalke und Co. längst in der Türkei hergestellt ehe sie in den bundesdeutschen Arenen ihre Fans finden. Aufmerksame Besucher der Wochenmärkte in den Textilzentren Istanbul und Bursa bemerken die regelmäßige Schwemme von Merch-Stuff der Bundesliga Klubs. Und so sind diese Produkte, die dann für ein paar Lira auf den Märkten als billige modische Kleidungsalternative über den Tisch gehen, genau genommen keine Piraterie-Produkte. Bei der Herstellung für die Abnehmer im fernen Deutschland wird die Qualität gecheckt und Produkte mit leichten Mängeln landen flugs auf den Märkten der Umgebung. Deshalb nicht wundern, wenn ganze Schwärme von Jugendlichen in den Vororten der türkischen Großstädte zu mindestens äußerlich auf einmal zu Schalke oder Köln Fans mutieren. Es handelt sich hierbei nur um Kinder preisbewusster Eltern, die billig für Europa produzierte Ware abstauben. Die Mängel der Waren sind dabei erst auf den zweiten oder dritten Blick zu erkennen.

T-Shirt Rücken Aufdruck: Hier ist wohl jemand Inter-Fan 


Die Touri-Falle


Den weitaus größten Teil der Piratenprodukte findet man ebenfalls auf den Wochenmärkten der Großstädte, aber auch auf den gut sortierten und schön zu recht gemachten festen Verkaufsständen in den Touristen-Gebieten im Süden des Landes. Hier sind echte Piraten am Werke. Die Produkte werden eins zu eins kopiert, dabei gibt es qualitative Unterschiede, manche Kopien sind auch für Fachleute kaum noch vom Original zu unterscheiden. Der Preis des Adidas-Sweaters gibt dabei am ehesten Aufschluss über die Echtheit der Ware. Die Hersteller dieser Produkte sind zumeist Firmen, die schon seit Jahren im Business sind und ihr Know-How einsetzen um möglichst gute Kopien herzustellen. Die Erfahrung aus Jahrzehnte langer Produktion für Europa kann da sehr hilfreich sein. Skurril wird es dann, wenn europäische Zollbeamte vermeintliche Piraterie-Produkte an den europäischen Grenzen beschlagnahmen, obwohl es sich dabei um Originale handelt. Die Geschichte eines Galatasaray-Fans der zur Europameisterschaft nach Frankreich mit einem Gala-Trikot wollte war eine beliebte Story, die die Hilflosigkeit der Beamten im Kampf gegen Produktpiraterie vor Augen führte. ( siehe: EM-Reisende aufgepaßt! )

Vereinslogo ist ein Muß, oder? 



Mit Phantasie


Die dritte Kategorie der Produktpiraten ist die interessanteste. Hierbei handelt es sich um „ Merdiven altı“ Produkte. Auf Deutsch: Produkte die unter Treppen hergestellt wurden. Damit werden Firmen, die sich in kleinen Klitschen eingerichtet haben beschrieben. Schon die Produktionsstätten sind zumeist illegal. Die Inhaber besitzen wenig Erfahrung in der Branche und spezialisieren sich ganz auf Billigprodukte. Die Qualitätsunterschiede zum Original sind hierbei offensichtlich. Schon an den Logos wird der Schwindel klar. Ausfransungen, schiefe Buchstaben und sehr rudimentäre Verarbeitung fallen ins Auge. In den Merdiven-altı Fabriken arbeiten zumeist sehr junge Arbeiterinnen ohne jegliche Ausbildung an veralteten Maschinen bis zu 16 Stunden am Tag. Qualitätskontrolle gibt es hier nicht. So sind auch oft die Produktnamen fehlerhaft, da wird dann aus Adidas, auch schon mal Adiwas. Das führt zu einem ungewollten Charme der Produkte und macht sie zu Unikaten in der auf Marken fixierten Welt.  Ein besonderes schönes Exemplar dieser Produkte befindet sich seit geraumer Zeit auch in meinem Besitz.


Ja, ich gestehe, ich habe gesündigt. Doch wer kann schon widerstehen bei einem blau-weiß gestreiften Sport-Shirt. Hinten steht in großen Lettern: FC Internationale.   Wann hat Inter zuletzt blau-weiß gestreift getragen? In den 70igern? Vorne ist das zugegebenermaßen etwas entfremdete Logo von Inter aufgestickt. Und zwar so, das sich das Shirt dort immer kräuselt, da es nicht richtig aufgesetzt wurde. Abgerundet wird das Meisterstück der Produktpiraterie des europäischen Spitzenfußballs mit einem an das Logo der italienischen Liga anmutenden Italia-Emblem am Arm. Das vorne noch ein kleines an Nike erinnerndes Logo zu sehen ist, war wirklich nicht kaufentscheidend. Ich schwöre. 

Auf den Arm, muss noch ein Logo. Mach schnell!